Home / DigitalTV / Transatlantik

Transatlantik

20130505-123608.jpg

Über Wasser, kurz hinter Irland. An Bord von British Airways Flight 177 nach New York hat man es sich jetzt, etwa 30 Minuten nach dem Start in London halbwegs erträglich eingerichtet. Nun wandern die Blicke auf die Bildschirme, die auf den Rückseiten aller Sitze montiert sind. Und man erlebt, zumindest als nicht-BA-Vielflieger, eine Überraschung.

Denn das Unterhaltungsangebot ist, man kann es auch ohne Werbung machen zu wollen, nicht anders beschreiben: sensationell. An jedem Sitz stehen über 100 (!!) Kinofilme, größtenteils brandneu, zur Auswahl. Dazu kommen Fußballhighlights, TV-Serien, frische BBC-News, Musikshows, sogar anspruchsvolle Dokumentationen etc.

Um so etwas zu präsentieren, hätten die Airlines noch vor wenigen Jahren unter Aufgabe der gesamten Businessklasse eine kleine Sendezentrale in die Flugzeuge einbauen müssen – jetzt bedient ein schuhkartongroßer Mediaserver die individuellen Wünsche von über vierhundert Passagiere in Sekundenschnelle.

Obwohl auch das Nonvideo-Angebot an Bord ebenfalls hervorragend ist, unter anderem mit Martin-Amis-Hörbüchern, vielen Audio-Podcasts des Guardian und einem Essential-Music-Channel, der “Best of Foo Fighters”, “Edwin Starr – Greatest Hits” und “Dark Side of the Moon” in einer Playlist hat – die allermeisten Passagiere haben einen der diversen Videokanäle gewählt.

Die Macht des bewegten Bildes scheint ungebrochen. Weil es unterhalten, informieren, berühren kann, wie kaum ein anderes Medium – und toll ablenken. Selbst von der unverschämt engen Holzklasse der BA.

+++

Ich bin auf dem Weg in die USA, um Menschen zu treffen, die die Digitalisierung des Mediums Fernsehen weder als inhaltliches Weltuntergangsszenario noch als Aufforderung zur Produktion von noch mehr Billigschrott verstehen. Menschen, die Spaß am neuen Fernsehen haben.

Zum Beispiel die Macher der WebTV-Angebots der “New York Times”.

Die NYT hob erst vor kurzem einen Teil ihres der ganzen Branche gefeiertes Bezahlschrankensystems auf, um für einen bestimmten Angebotspart uneingeschränkten Zugang zu ermöglichen: Die Videos der ehemals nur Print denkenden Marke sind so populär, dass sie durch Werbespots viel Geld einbringen, auf das man nicht verzichten möchte – oder kann. Eine recht dynamische Entwicklung, wenn man bedenkt, dass WebTV bei der Times und anderswo vor noch nicht einmal fünf Jahren auf keinem einzigen Businessplan standen…

+++

Apropos Verlegerfernsehen: Das Versagen von CNN und anderer großer Newsnetworks während der Verfolgungsjagd auf die “Boston-Bomber” ist immer noch Diskussionsthema der Medienbericherstattung hier.

Über Stunden hinweg hatten die TV-Dinos, für die eine solche Newslage ja eigentlich wie gemacht ist, mit einem gewaltigen Aufwand, einschließlich Kameradrohnen, nur wenig bis gar nichts Substanzielles produziert – dafür aber etliche Falschmeldungen herausgejagt, die nach wenigen Minuten bereits korrigiert werden mussten.

“Höhepunkt” dieser Berichterstattung waren die Einblendungen zu den üppig besetzten Teams vor Ort. Ein ums andere Mal wurden die Starreporter dabei ertappt, wie sie auf der Suche nach News fast verzweifelt auf ihre Smartphones starrten. Sinnbildlich, im wahrsten Wortsinne.

20130506-120355.jpg

Die beste Video-Coverage an diesem denkwürdigen Tag machte dagegen, nota bene, das Web-Fernsehen der “Washington Post”. Das neue, erst vor knapp einem Jahr gestartete Angebot, zeigte natürlich auch Livebilder, eingekauft von Agenturen und selbst produziert von zwei eigenen kleinen Teams.

Aber die Bilder von abgesperrten Straßen, endlosen Polizeikolonnen und panischen Anwohnern liefen auf der Webseite der Post eben nicht um rund um die Uhr, sondern nur, wenn es wirklich etwas zu berichten gab. Während der langen Stunden, in denen in Boston nichts passierte, bot die Post auf der Website Hintergrundinfos und Analysen und mischte das Ganze zu einem dem Anlass stets angemessenem Multimediamix. NewTV at it’s best. In diesem Jahr will die Post übrigens einen eigenen digitalen Politikkanal starten. Deren Macher werde ich auf meiner Reise auch treffen, darauf freue ich mich ebenfalls sehr.

+++

Aber noch einmal zurück in die Gegenwart: “Get rid of the middle man” – so wirbt die US-Airline Jet Blue, die mich von JFK nach Florida bringt. Man könne, so der Spot, der im Bordfernsehen läuft, als Reisekunde via Netz (und damit natürlich auch auf der Jet-Blue-Webseite) ja alles selber und viel günstiger organisieren als der in den USA ja immer noch gottähnlichen Status besitzende Travelagent. Nicht nur Flüge, sondern ganze Reisepakete, Mietwagen und Hotels undsoweiterundsofort.

Get rid of the middle man – dieses Schicksal, nämlich durch die Digitalisierung in seiner Rolle als Mittler von Dienstleistungen bedroht zu sein, erleiden derzeit aber nicht nur Reiseagenten, sondern auch viele andere Branchen. Womit wir wieder beim Thema wären.

Wer zum Beispiel weiß schon, wie lange noch TV-Megastars wie Jon Stewart oder Jimmy Fallon ein Großteil ihres Geschäfts mit den klassischen Networks teilen müssen, auf denen sie ausgestrahlt werden? Gerade die Stars der US-Unterhaltungsbranche, aber auch Sportverbände wie im Basketball und Football generieren schon bemerkenswerte, globale Einnahmen über die Präsentation ihrer Shows im Netz – gut portioniert in viele prima vermarktbare Highlight-Häppchen.

Die Online-Reichweiten übertreffen jetzt schon die normalen TV-Quoten.

Und je autonomer die Inhalteproduzenten durch das Netz von den traditionellen Distributionswegen des linearen Fernsehens werden, umso größer werden die Fliehkräfte sein, die die Stars vom Middle Man wegtreiben.

Das gilt übrigens nicht nur für das Fernsehen.

+++

Apropos neue Konkurrenz: Wie angekündigt hat Amazon die ersten 14 jener Serientestepisoden online gestellt, die über sein TV-Talentförder-Programm “Studio” produziert wurden – auch inspiriert vom großen Erfolg, die der US-Webstreamingdienst Netflix mit seiner exklusiv für ihn hergestellten Serie “House of cards” hat. Amazon “Prime” Kunden können nun über die Folgen abstimmen, die auserwählten Ideen gehen dann in Serie. Online only. Und natürlich optimiert für den hauseigenen Kindle…

+++

Die Erfolge der Angebote von Amazon und Netflix und viele anderen neuen “Playern” auf dem TV-Markt werden dann hoffentlich auch dazu beitragen, jenes Vorurteil zu eliminieren, das von konservativen Fernsehmachern immer noch geschürt wird. Nämlich dass auf dem Fernseher im Wohnzimmer nichts anderes funktioniert, als die 60 Jahre alte, lineare Berieselungsmaschine, die einem passiven Zuschauer nur etwas halbwegs Attraktives vorsetzen muss, damit er in Duldungsstarre verfällt.

+++

Und, nur vorläufiges Ende der Überlegung, was passiert eigentlich, wenn die TV-Geräte-Hersteller selbst unter die Inhalteanbieter gehen, unter Ausnutzung ihrer strategisch günstigen Marktposition, Torwächter und Schlossbesitzer gleichzeitig zu sein?

In den USA läuft bereits auf jedem neuen Panasonic-Fernseher nach dem Einschalten erst einmal einer direkt von Panasonic selbst über die Netzverbindung eingespielter Werbespot. Man muss kein Technikexperte sein, um sich vorzustellen, bei welchen Aktionen auf dem TV-Gerät so ein, nur über die Hardware ausgesteuertes Geschäftsmodell sonst noch möglich ist…

+++

Apropos Geld: Die Financial Times meldet, dass Youtube demnächst Bezahlkanäle für besonders hochwertige Inhalte anbieten will. Hmm…

+++

Ganz umsonst aber nicht vergeblich kann man sich ab jetzt die nominierten Beiträge und Formate für den Deutschen Webvideopreis anschauen, die “Videopunk” Markus Hündgen und sein Team von der Europäischen Webvideoakademie in Düsseldorf dieses Jahr aus einer Flut von Bewerbungen herausgepickt haben. Es sind wieder, schön zu sehen, viele erstaunlich frische Ideen dabei..

Zur Preisverleihung am 25. Mai werde ich es aber leider nicht schaffen, da bin ich noch für OneTV auf Reisen.

I keep you posted…

Kommentar verfassen