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Die Kunst und das liebe Geld

Wer immer ein Beispiel braucht, um zu beweisen, dass die Digitalisierung des Fernsehens nicht nur Arbeitsplätze gekostet, sondern auch gebracht hat, kann mit gutem Gewissen auf Brightcove verweisen. Die US-Firma, noch nicht einmal zehn Jahre alt, ist zum führenden Anbieter von professionellen Videolösungen für das Internet geworden.

Als wir 2007 das Videoangebot von stern.de mit Brightcove aufgebaut haben, waren wir einer der ersten Kunden außerhalb der USA und GB. Heute benutzen über 6000 Unternehmen in 60 Ländern Videotechnik von Brightcove, die Firma hat über 350 Beschäftigte, und einen Börsengang mit Hype, Einbruch, Erholung und damit das branchenübliche Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf hinter sich.

Aber natürlich, wie es sich für eine echte amerikanische Digitalfirma gehört, laufen der Gründer Jeremy Allaire und sein Vorstandschef David Mendels in Jeans und lässig ungebügelten Hemden zur “Brightcove Play” auf. Auf dieser jährlich am Stammsitz der Firma in Boston stattfindenden Konferenz treffen sich Brightcove-Kunden aus aller Welt mit Netz- und TV-Experten, um die neuesten Trends der Branche auszutauschen. Der Ton ist locker, informell – und trotzdem doch ein bisschen anders, nicht ganz so aufgeregt als vielerorts bei den Stars im Silicon Valley. Ostküste eben.

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Einige Tagesordnungspunkte der Konferenz sind nur etwas für echte Liebhaber digitaler Videostreamingtechnik – man hört viel über Kodierung und Entkodierung, Bandbreitenadaptionen, HTLM5 und Useranalysen. Bei der Präsentation neuer Playervarianten brandet Beifall von Entwicklern auf. Ganz amüsant.

Spannender für Unsereinen sind die Diskussionsrunden über Strategien, die Visionen für das Fernsehen von morgen und die Präsentationen von Beispielen der Brightcove-Kunden. Und die sind, neben den klassischen Medienunternehmen, komplett unterschiedlich. Der finnische Spielegigant Rovio lässt seine berühmten Angry Birds mittlerweile als selbst produzierte Kartoonfilmchen in seinen Game-Apps fliegen. Das Chicagoer Symphonieorchester präsentiert Konzerte, Proben, Interviews mit seinen Musikern auf der eigenen Videoplattform. Und hat es damit geschafft, die Käuferschaft für seine Musikwerke wieder deutlich zu verjüngen.

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Das japanische Start-up Jyukensapuri ist extrem erfolgreich, weil es mit abgefilmten Universitätsvorlesungen und -Seminaren den Bildungshunger jener großen Masse der Bevölkerung in Japan bedient, die wegen der hohen Kosten nicht an ein Studium denken kann. Und Boston.com, die Onlineseite des Boston Globe berichtete sehr eindrucksvoll per Video über das Marathon-Attentat und seine Folgen, die in der Stadt und bei ihren Menschen immer noch sehr prägend sind.

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All diese Unternehmen, egal ob Spielentwickler, klassische Musiker oder auch Printjournalisten hätten vor noch wenigen Jahren nicht einmal im Traum dran gedacht, ihre Arbeit und Produkte auch im Bewegtbild zu präsentieren.

Aber digitales Fernsehen, vor allem über das Netz verbreitet, macht jedes Unternehmen, aber auch talentierte Einzelkämpfer, zu einem potentiellen Medienlieferanten, weil es atemberaubend einfach geworden ist, Inhalte nicht nur zu produzieren, sondern sie auch in die ganze Welt zu distribuieren. HomeDepot, der US-Baumarktgigant, hat mit seiner eigenen Heimwerkersendung auf Youtube Millionen von Zuschauern, die Köche von Allrecipes.com sind auch ohne CBS oder ABC in ganz Amerika Stars, weil man sich ihre Videos gegenseitig als Rezeptideen schickt. “Red Bull” ist ein weltweiter TV-Sender, der nebenbei noch Getränke verkauft. Mein Herzensfußballverein Borussia Dortmund überträgt schon länger viele Vorbereitungsspiele komplett senderunabhängig auf seinem eigenen Internetkanal. Der derzeit zweiterfolgreichste Videohit auf Youtube (zum erfolgreichsten kommen wir ganz unten) ist eine wirklich lustige Persiflage auf das Geschäftsgebahren von Facebook produziert nicht etwa von einer großen TV-Show, nein, in Eigenregie von einer Gruppe junger Comedians aus Los Angeles.

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Was gut daran ist? Zwangsbestimmung, Desinteresse, Langeweile und Warten, all jene Ärgernisse, denen man als Zuschauer des linearen Fernsehens über 60 Jahre nahezu hilflos ausgeliefert war, sind verschwunden. Wer halbwegs geschickt ist, findet heute überall zu jeder Zeit etwas für seinen ganz eigenen Geschmack. Die Fragen “Läuft nicht was anderes?”, “Wann kommt das denn?” und “Wo gibt’s das?” sind für die Generation Y schon nahezu aus dem aktiven Sprachgebrauch verschwunden. Im Zeitalter der Suchmaschinen und riesigen Videobibliotheken in der weltweiten Datenwolke sind nur noch Sportevents und wenige Liveereignisse das Holz für das Lagerfeuer im Wohnzimmer, um das sich ab und an alle versammeln.

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Achtung, jetzt die Kehrseite der Medaille: Wo immer mehr unterschiedlichster Inhalt da ist, der jeden auch noch so speziellen Bedarf bedient, zersplittert ein Markt in extrem viele Einzelteile. Die für sich selber nur schwer tragfähig sind. Vor allem die großen Medienunternehmen leiden ja darunter, dass ihnen die Kunden weglaufen, weil die ihre Zeit- und Geldbudgets mehr in Interessen investieren, die die Generalisten gar nicht abdecken können.

Was den Printhäusern schon seit einigen Jahren widerfährt, droht nun auch den großen TV-Sendern, deren Geschäftsmodell ja immer auch eine Mischfinanzierung über das gesamte Programm hinweg war. Wenn aber immer mehr Fans von CSI oder Dr. House ihre Lieblingsserien unmittelbar im Netz beziehen, wenn das Spielfilmhighlight der Woche nach der Kinoverwertung erstmal auf dem Youtube-Channel von Pepsi Cola in HD läuft oder die Comedians ihre Show exklusiv auf eigenen Videoplattformen präsentieren – dann brauchen RTLSAT1PROSIEBENETC schon sehr bald wirklich neue Ideen. Um ihre aufwändigen Apparate weiter unterhalten zu können, werden aber auch die nur bedingt weiterhelfen. Es wird dramatisch werden mit dem großen alten Fernsehen.

Aber auch die Kleinen, die Neuen und die Einzelkämpfer sind nicht selbstverständlich auf der Gewinnerseite. Für sie stellen sich ganz andere Fragen: Wieviel braucht es, um eine eigene TV-Produktionsabteilung wie jene der Symphoniker aus Chicago zu unterhalten? Sehen wir Video als Werbemittel oder Einnahmequelle? Soll man für spezielle Produktionen Geld von seinen Zuschauern verlangen? Um bei Youtube mit den mit Google geteilten Werbeeinnahmen richtig zu verdienen, braucht es Millionen von Klicks.

Ich glaube, es wird eine Mischung aus PayTV- und Werbe-Einnahmen sein, mit der die neuen Anbieter auf dem TV-Markt erfolgreich sein können. Auch, weil sie in den meisten Fällen auf schmalerer Basis kalkulieren und trotzdem hochwertige Qualität liefern können. Auch, weil sie die neuen Möglichkeiten des WebTVs, vor allem im Livebereich, besser für sich nutzen können. Ich werde in den nächsten Postings dafür einige Beispiele präsentieren.

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Klinge ich zu euphorisch? Man ist dann eben doch eher optimistisch aufgeladen, wenn man ein paar Tage mit US-Kollegen über die gleichen Visionen und Ideen gesprochen hat. Das unterscheidet DigitalTV-Konferenzen hier und in Deutschland übrigens.

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Apropos Unterschiede: Ich habe während der “Brightcove Play” in diversen Runden Kollegen aus aller Welt klarmachen wollen, warum die Debatte um Adblocker und Netzdrosselung in Deutschland zu solch fanatischen Reaktionen und existenziellen Ängsten um Netzfreiheiten und -neutralitäten geführt hat.

Es ist mir nicht gelungen.

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Und ganz zum Schluss eine traurige Nachricht aus der Videowelt: Die Geschichte, über ein Paar, das an einer Tankstelle scheinbar spontan Popsongs zum Besten gab und damit zum weltweiten Socialmedia-Hit wurde, ist offensichtlich ein Fake. Also leider keine herzwärmende Geschichte.

Wenn man das Video genau anschaut, fragt man sich allerdings, warum keiner früher darüber gestolpert ist.

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Next stop für OneTV: die Internet Week New York. I keep you posted.