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Multitrivial ist nicht die Antwort

Es war der reine Zufall – und nicht die Nostalgie – der mich vor wenigen Tagen wieder auf eine Story stießen ließ, die ich im August vor 20 Jahren für den SPIEGEL geschrieben hatte: “Glut, Schweiß und Tränen”, eine Reportage über das “Transamerica Footrace”.

Ein toller Stoff war das: dreizehn Frauen und Männer, die quer durch die USA laufen. Unter spartanischen Bedingungen, angetrieben von Kräften, die für einen Nicht-Ultraläufer nicht mal im Ansatz verständlich sind. Das Rennen dauerte 64 Tage lang und ich hatte Gelegenheit (und das Reisebudget), die ersten drei Wochen von L.A. nach Las Vegas mitzumachen. Verrückte Typen in grandioser Landschaftskulisse. Ein Erlebnis, das mir nicht nur eine gute Geschichte, sondern auch lädierte Fuß- und Kniegelenke einbrachte. Das waren noch Zeiten.

Aber daran musste ich gar nicht denken, als ich die Geschichte, gepflegte 25.000 Zeichen lang, noch einmal las. Stattdessen kam mir in den Sinn, wie man heutzutage über so ein Ereignis berichten könnte, mit all unseren digitalen Möglichkeiten: aktuelles Blogging, Geo-Tagging, Instagram-Fotoalben der Teilnehmer, Hintergrundinfos zu Etappen, sogar die Übertragung vom Zieleinlauf via Livestream – man müsste natürlich nicht alles davon verwenden, aber sicher könnte man mit einigen dieser Formate sowohl auf Webseiten, digitalen wie gedruckten Magazinausgaben und natürlich auch noch auf diversen TV-Kanälen eine interessante, spannende Rundumberichterstattung (mit perfekter Verwertungskette) initiieren.

So etwas freut also Redakteure, Leser und Geschäftsführer gleichermaßen. Bittteschön, geht noch mehr? Gerade in diesen Zeiten, wo alle Welt darüber mal wieder diskutiert, wie der Journalismus es schaffen kann, sich zu modernisieren, wieder zu begeistern, relevanter für die Leser zu werden – und trotzdem Geld zu verdienen?

Natürlich gibt es nicht jede Woche ein Rennen durch Amerika, natürlich bietet sich nicht jede Geschichte für eine multimediale Verlängerung an. Aber müssen zum Beispiel deutsche Newsportale aber auch viele digitale Ausgaben von Printobjekten deshalb auch 2013 noch so aussehen wie in bits und bytes umproduziertes Papier? Mit zwar, entgegen aller Vorurteile, teils sehr guten Texten – aber leider nur sehr wenigen herausragenden Fotostrecken (wie dieser hier zum Beispiel), wenig bis gar keinen grafischen Extra-Schmankerln und einem Videoangebot, das meist wie ein ungeliebtes Kind in die hintersten Ecken verbannt worden ist. Und dann oft nur, multitrivial, das Geschriebene wiederholt.

“Wir haben keine Antworten auf die Herausforderungen des Zeitungsgeschäfts gefunden”, räumte, bemerkenswert ehrlich, Washington-Post-Chef Don Graham ein, als er den Verkauf des Blattes an Amazon-Gründer Jeff Bezos bekannt gab. Nun, vielleicht wäre ein Antwort darauf gewesen, früher als bei der Post geschehen, weniger Zeitung- und mehr zeitgemäßeren Journalismus zu machen.

Machen wir uns nichts vor. Während “da draußen” im Leben vieler unserer Leser, Zuschauer, User die medialen Welten kreuz und quer und fröhlich miteinander toben, bleiben sie bei uns “Profis” meist noch klinisch sauber getrennt. Organisatorisch und inhaltlich. Die Verschmelzung aller möglichen journalistischen Erzählformen, die eine enorme, frische Bereicherung wäre, ist weit von unserem Alltag entfernt oder findet nur in sehr aufwändigen Sonderprojekten statt, wie etwa dem Tour-de-France-Extra von Zeit Online. Das ist hübsch gelungen, ein prima Leuchtturmprojekt, wie das mittlerweile schon legendäre “Snowfall”-Experiment der New York Times.

Aber reichen diese nur unter großen Anstrengungen produzierten Leuchttürme wirklich aus, um dauerhaft gerade jüngere Menschen für unsere Medienmarken, die sowieso unter Schnarchverdacht stehen, zu interessieren? Wo ist das alltägliche Plus, mit dem wir unsere digitalen Angebote (denn, machen wir uns nichts vor, nur die sind die Zukunft der Branche) so packend machen, dass man nicht mehr an uns vorbeikommt? Gerade wenn wir, wie jetzt ja überall geplant, hinter Bezahlmauern verschwinden wollen.

Aber welcher Kollege bringt denn von einem Parteitag seine ganz subjektiven, skurrillen Foto- und Film-Smartphoneaufnahmen mit? Wer überredet die Popsängerin beim Interview ein paar Zeilen ihres Welthilts exklusiv A-cappella ins Aufnahmegerät zu singen? Wer lässt einen Fußballtrainer mal Youtubeausschnitte seiner eigenen Kickerkarriere kommentieren? Wer sammelt Audio-Statements von Demonstranten, Polizisten und Anwohnern bei der nächsten Mai-Demo und mischt sie unter die Bilderserie? Wer löchert den Außenminister vor laufender iPhone-Kamera mit den Eignungstestfragen seines diplomatischen Chors?

Allesamt kleine Elemente, die – Verzeihung – mehr von Kreativität und Engagement leben, als von üppigen Etats oder überbordender Personalausstattung. Kleine journalistische Perlen, die endlich mal wieder in sozialen Netzwerken herumgeschickt werden würden. Weil sie emotional, unterhaltsam, streitbar sind.

Gerade bei vielen jüngeren Kollegen, die derzeit – zurecht – in den Redaktionen eine Debatte über die Zukunft ihres Berufs anstoßen, müsste dieser Spaß am spielerischen Experimentieren doch schon aus ureigenstem Interesse da sein. Und es ist ja auch nicht so, dass für das Neue generell Verständnis und Interessen fehlt, im Gegenteil: So weit ich es beurteilen kann, sind die Multimedia-Kurse in den Journalistenschulen und Akademien,seit Jahren schon gut besucht.

Aber wenn es dann, nach Aus- und Weiterbildung, nach vielen endlosen Diskussionen auf Konferenzen oder Barcamps ans Selbstmachen geht, begnügen sich selbst engagierte Kollegen oft mit der “Nummer Sicher”. Schreiben ihre 5000 Zeichen, drehen ihre 3:30, stellen 08/15-Fotostrecken zusammen und setzen sich ans nächste Thema. Irgendwo, zwischen Theorie und Praxis, geht da was verloren.

Bin ich ungerecht? Bestimmt. Aber nur ein bisschen. Doch wo ist denn in deutschen Redaktionen ein Typ wie der digitale Tausendsassa Richard Gutjahr, der auch von festangestellten Journalisten für seine multimedialen Ideen gefeiert wird? Wo bleibt der junge Nachfolger vom wahnwitzigen Videokolumnisten Matthias Matussek? Wo sind die Ideen, die TV und Radio schon groß gemacht haben, frisch adaptiert und in neuer Form auf neuen Kanälen präsentiert? Ja, da machen uns die Neulinge, Außenseiter und Lonely Cowboys in Digitalien oft was vor. Und auch Jeff Bezos wird bestimmt ein paar gute, neue Ideen für die Post haben.

Ja, ich kenne natürlich auch den Spruch: “Do what you do best and link to the rest”. Er wird oft eingesetzt, wenn es an Budgetverhandlungen geht. Oder, wenn sich ansonsten ganz intelligente Menschen trotzig immer noch auf den “Kern” ihres Geschäftes berufen, auch wenn der schon fast weggeschmolzen ist. Aber, nochmals Verzeihung, ich habe die Befürchtung, dass unser aller Bestes aus den vergangenen 50 Jahren bald nicht mehr reichen wird.

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