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Die TV-Newsroboter von Wochit

Ist das nun schlicht “zeitgemäße Arbeitserleichterung”, oder ein “Meilenstand in der Sozialisierung der Videoproduktion” – oder doch eher ein weiterer “Spatenstich für das Grab des Journalismus”? So unterschiedlich sind die Meinungen über den Service des israelischen Startups Wochit, der derzeit in den USA für immer mehr Aufsehen sorgt.

Denn dessen Videoediting-Software ist – ganz neutral betrachtet – zu erstaunlichen Leistungen fähig: Nur auf Grundlage eines geschriebenen Textes mixt sie per Keywordvergleich und Logarithmus unterschiedliche Bewegtbildsequenzen und Fotos aus einer Datenbank vollkommen automatisch zu einem fertigen TV-Newsbeitrag. Dem Redakteur bleibt dann nur noch die Aufgabe überlassen, eine kurze Endkontrolle vorzunehmen und seinen Text über den fertigen Bildern einzusprechen. Getreu dem Wochit-Werbespruch: “Your own newsroom” entsteht so von jedem beliebigen Arbeitsplatz und Ort aus innerhalb von zehn Minuten ein 30- bis 60sekündiger Newsclip zu den Themen Politik, Sport, Technik oder Entertainment: Wochit-Partner sind unter anderem Youtube, Brightcove, GettyImages und Yahoo.

Wochit-Werbeversprechen: Mit wenigen Klicks automatisch zur fertigen TV-News

Wochit-Werbeversprechen: Mit wenigen Klicks automatisch zur fertigen TV-News

Nach einigen Monaten der Betaphase sehen die Resultate mittlerweile halbwegs passabel aus, auch wenn sich bei altgedienten und anspruchsvollen TV-News-Journalisten wahrscheinlich nicht nur die Nackenhaare sträuben.

Tatsache aber ist: Wochit bedient mit seinem Angebot einen riesigen Bedarf. Das Geschäft mit kurzen Clips im Web läuft schon seit Jahren auf Hochtouren. Viele Medienangebote sind auf der Suche nach aktuellem, günstigem Bewegtbildcontent, der als Träger für die mitunter nervigen, aber sehr lohnenden Werbespots dient. Vor allem in den USA, aber auch in Europa, liefern neben klassischen Agenturen wie Reuters oder AP auch Web-only-Services wie ZoominTV oder Ruptly mittlerweile jeden Tag Dutzende der bewegten Infohäppchen an ihre zahlreichen Kunden aus. Auch hier ist, fehlender Zeit und Budgets geschuldet, nicht immer alles perfekt – aber immerhin noch komplett menschenhandgemacht.

Mit dem Angebot von Wochit bricht damit auch in der journalistischen TV-Produktion das Zeitalter der Automatisierung an, die bei geschriebenen Newsangeboten schon länger Einzug gehalten hat. Und natürlich dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Maschinen zu längeren und besser gebauten Videobeiträgen fähig sind.

Freud und Leid des digitalen Fernsehens werden dann dank solcher Services noch enger beieinander liegen. Auf der einen Seite erleichtern sie die Videoproduktion vor allem für all jene enorm, denen Mittel und Zeit dafür fehlen, aus ihren Inhalten multimediale Angebote zu basteln. (Ich prophezeie mal, dass wir einen Boom an Bewegtbildstücken auf Blogs oder kleineren Websites erleben werden).

Auf der anderen Seite berauben Wochit und Co. den großen journalistischen Angeboten wieder mal ein Teil ihrer jahrzehntelangen Exklusivität. Wenn schnelle Videonews von jedermann hergestellt werden können, müssen sich die etablierten Marken noch mehr einfallen lassen, um attraktiv zu bleiben. Ein Trost: Für die Qualität der “Profi”-Angebote muss das nicht schlecht sein.