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ARD-Tatort "Frühstück für immer":  Kein Lederquietschen, Fesselklirren oder Peitschenknallen (Foto: ARD)
ARD-Tatort "Frühstück für immer": Kein Lederquietschen, Fesselklirren oder Peitschenknallen (Foto: ARD)

Presseschau zum Leipziger “Tatort”: Sado-Maso voller Rätsel

“Verpasste Chance” oder “brilliant”? “Hysterieparade” oder “klassischer Krimi”? Selten waren sich die TV-Kritiker so uneinig über eine “Tatort”-Folge wie über dieses “Frühstück für immer” aus Leipzig.

Holger Gertz auf sueddeutsche.de:

“Eine Frau ist tot, Würgemale, Fesselspuren. Die Spezialistin von der Spusi denkt an einen älteren Fall: “In der Presse wurde der Täter nur der Würger von Mockau-Ost genannt.” Tatsächlich wird dieses bislang unbescholtene Mockau-Ost im Tatort so oft in einem, nun ja, Atemzug mit dem Würger genannt, dass es ein wenig brauchen wird, um sich vom Würger wieder zu emanzipieren. Abgesehen davon ist die Episode vom MDR (Regie: Claudia Garde) eine berührende Geschichte über liebeshungrige Frauen mittleren Alters, die sich davor fürchten, allein zu sterben irgendwann. Alleinsein als Grube, aus der man sich mit letzter Kraft herausschaufeln muss. Alleinsein als Makel. Das Buch von Katrin Bühlig lässt nicht zu, dass eine esoterische Luftnummer aus dem relevanten Thema wird, die Sprache ist zu hart dafür.”

Hans Hoff bei DWDL.de

“Theatralisches Überagieren ersetzt hier die Schauspielerei. Im Prinzip ist dieser „Tatort“ eine überlaute, überschrille Hysterieparade. Dagegen haben die Kommissare keine Chance. Dagegen wirken sie in ihrem drögen Sosein wie Trockenblumen, die beim nächsten Hauch zerfallen werden. Man weiß, dass das demnächst wohl passieren wird, dass die Zeit von Saalfeld und Keppler sich dem Ende zuneigt. (…) So wirkt diese Episode wie ein willkommener Kündigungsgrund. Kein Mensch weint solchen Filmen eine Träne nach.”

Christian Buß auf Spiegel.de:

“Die Leipziger “Tatort”-Episode “Für immer Frühstück” hätte leicht ein plakativer Film über den angeblichen Trend zum SM werden können. Ein Themenstück über die neue Sehnsucht der Frauen nach der Freiheit in der Unterwerfung, unterlegt mit flottem Lederquietschen, Fesselklirren und Peitschenknallen. Das ist es zum Glück aber nicht geworden. (…) Brillant, wie die Themen Altern, Sehnsucht und Begehren vor dem SM-Hintergrund zu einem schmerzlich doppelbödigen Erotikkrimi verarbeitet werden, der tief in die Machtdynamiken zwischen Mann und Frau führt.”

 

Felix Müller in der “Berliner Morgenpost”:

“Vielleicht hätte es diesem Tatort gut getan, wenn er es bei diesem Thema belassen hätte: bei der Frage, wie wir altern, wie sehr uns das stresst und wann es zu spät ist. Warum bloß musste, Stichwort Fußfessel, noch ein SM-Handlungsstrang eingezogen werden? Weil “50 Shades of Grey” so erfolgreich war? Weil wir noch etwas über Dominanz und Unterwerfung lernen müssen? Wie auch immer: Es funktioniert nicht. Zumal der Sadomasochismus in der Figur des peitscheschwingenden Schönheitschirurgen Peter Hauptmann (Filip Peeters) auch eher als Karikatur denn als leidenschaftliche Kraft daherkommt. Weil die Konflikte der Frauen, die sich um ihn scharen, so kurios zusammenfantasiert sind. Und so beginnt es sich nach einer halben Stunde rostig und quietschend zu drehen, das Karussell der Verdächtigen, und man sieht ihm erst ratlos zu und dann genervt: weil hier eine Chance vertan wurde.”

Tillmann P. Gangloff im “Tagesspiegel”:

“Der Film ist ein klassischer Krimi: ohne Gewalt und ohne Action, allerdings auch ohne typische Spannungselemente; für einen gewissen Kitzel sorgen allenfalls die leicht abseitigen Sexualpraktiken eines Verdächtigen.(…) „Frühstück für immer“ ist aber auch ein Themenfilm. Als eigentliches Motiv schimmert immer wieder ein Problem durch, das anscheinend viele Frauen jenseits der 40 umtreibt. Sie haben das Gefühl zu verschwinden, nicht mehr wahrgenommen zu werden; vor allem natürlich durch Männer.”

Sandra Zistl auf Focus.de:

“Jetzt, wo sein Ende absehbar ist, läuft der Leipzig-„Tatort“ zu neuer Form auf. Oder ist das der durch diese Tatsache gemilderte Blick? Simone Thomalla zeigt zwar auch diesmal nicht mehr als einen oder maximal zwei Gesichtsausdrücke (mit und ohne Stirnfalte), doch diesmal stört das nicht so sehr. Und obwohl es in diesem „Tatort“ nichts zu lachen gibt, sorgt Wuttke als Keppler in seinem Ringen mit sich selbst für amüsante Momente.”

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