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Presseschau zum Tatort “Der Fall Reinhardt” aus Köln

Tatort-Folge "Der Fall Reinhardt": "Ein Stück harte Arbeit"

Tatort-Folge “Der Fall Reinhardt”: “Ein Stück harte Arbeit”

Der “Schenk” ist irgendwie kantiger, der “Ballauf” nicht mehr so naiv, der Kölner “Tatort” immer düsterer – den TV-Kritikern gefällt’s. Nach dem für viele Fans brutalen und erschütternden Tod von Assistentin “Franziska” in der vorigen Folge ist der WDR-Tatort zu Freude der meisten Rezensenten auch in der Episode “Der Fall Reinhardt” dem neuen, härteren Stil treu geblieben. Sie loben die aktuelle Folge wegen ihrer atmosphärischen Dichte, den wohlgesetzten Dialogen und wegen der schauspielerischen Leistungen von Ben Becker und vor allem Susanne Wolff.

Kurt Sagatz auf “tagesspiegel.de”:
“Eine „Tatort“-Folge wie diese kann kein versöhnliches Ende haben. Wenn bei einem mit Absicht herbeigeführten Brand eines Wohnhauses drei kleine Kinder in ihren Betten zu Tode kommen, wird auch die Überführung des Täters – die der Zuschauer vom ARD-Sonntagabendkrimi erwartet – keinerlei Erlösung bringen. Dafür hat Regisseur Torsten Fischer bei diesem Kölner „Tatort“ nachhaltig gesorgt. Gleich mehrfach werden die verkohlten Kinderärmchen ins Blickfeld genommen. Die Kamera scheint sich geradezu an den surrealen Bildern zu weiden, an dem Kontrast von verbranntem Leben und gleich daneben der vermeintlichen Normalität von intakt gebliebenen Einrichtungsgegenständen. (…)
Der Einstieg in „Der Fall Reinhardt“ mag unnötig drastisch ausgefallen sein, doch es ist keine billige Effekthascherei, die Regisseur Fischer damit betreibt. Hinter dieser Tragödie verbirgt sich ein Drama (Buch: Dagmar Gabler), das dieser Film sehr behutsam offenlegt.”

Holger Gertz auf “Süddeutsche.de”:
“Früher strandeten die Fälle aus Köln zu oft an der Imbissbude. Ein Schluck dünnes Bier, ein dünner Witz, noch ein Stück Wurst. Und dann satt und sanft entschlafen. Spätestens seit der Folge “Franziska” ist Ballauf und Schenk eine neue Härte verpasst worden, die sogar auf Sprache und Physiognomie durchzuschlagen scheint. Ballauf hat sich von seiner Domian-artigen Gefühlsrhetorik verabschiedet. Der plüschbärenhaft gebaute Schenk wirkt irgendwie kantiger; scharfe Konturen vor grauschwarzem Panorama.”

Hans Hoff auf DWDL.de:
“Vor allem die Mutter steht im Zentrum. Susanne Wolff spielt sie mit atemberaubender Präsenz und unglaublicher Gleichförmigkeit. Doch während ihr Gesicht starr bleibt, ist in ihren Zügen doch zu sehen, was dahinter brodelt. Das Feuer brennt weiter in dieser Frau, es treibt sie ins Vergessen. In Richtung Wahnsinn wurde sie schon vorher getrieben. Langsam stellt sich heraus, dass ihr Mann schon vor Jahren seinen Job verlor, dass er offenbar schon länger nicht mehr daheim war.
Keine Figur stört, niemand verwässert die Dichte dieses Films, der sich davor hütet, die Welt einzuteilen in Gut und Böse, in schuldig und unschuldig. Zunehmend wird die Frage unwichtiger, wer denn nun der Mörder ist. Vielmehr wird gezeigt, wie leicht man abrutschen kann aus einer Welt, in der eben noch alles glänzte, unter der aber brüchige Fundamente sichtbar werden, wenn der Sturm der Entwicklung mal strenger pfeift.”

Miriam Hollstein auf Welt.de:
“Und hier bietet die Kölner Folge “Der Fall Reinhardt” noch einen weiteren Lehreffekt: Das Unsichtbare, das Vermutete, ist manchmal stärker als das Sichtbare. Eine Dreiviertelstunde ist Becker nicht zu sehen, es sei denn als kurze Wahnvorstellung und auf einem Video. Aber weil dieser “Tatort” mit dem Image des Akteurs und dem Wissen der Zuschauer darum spielt, beherrscht Ben Becker die Geschichte von Anfang an. Als er dann tatsächlich auftaucht, spielt er zwar immer noch gewohnt kraftvoll, aber die Magie der Abwesenheit ist dahin.”

Christian Buß auf Spiegel Online:
“…Und doch tritt “Der Fall Reinhardt” schnell dramaturgisch auf der Stelle. Gegen den Gedächtnisverlust der Mutter müssen die Ermittler das Geschehen rekonstruieren, stolpern dabei in die eine oder andere Sackgasse, in die eine oder andere arg plakativ ausgelegte falsche Fährte. Die Verzweiflung der Mutter, die Wut des später auf der Bildfläche erscheinenden Vaters, beides bleibt Behauptung. Wir sehen: Hier liegt eine bürgerliche Existenz in Asche, aber erfahren nicht wirklich, wie es dazu gekommen ist. Da hätte das Drehbuch etwas mehr Schliff gebraucht. Ein Stück harte Arbeit ist dieser “Tatort”. Mit dem Schmunzeln scheint es in Köln erst einmal vorbei.”

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