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“Y-Titty” und die “Schleichwerbung”: Schluss mit dem Tabuthema!

Samsung-Handy im "Y-Titty"-Clip: Trennung von Redaktion und Werbung missachtet?

Samsung-Handy im “Y-Titty”-Clip: Trennung von Redaktion und Werbung missachtet?

Nicht alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, ist auch erlaubt (oder erwünscht). Unter diese Kategorie fallen wohl die Schleichwerbevorwürfe, die derzeit gegen “Y-Titty”, eine der populärsten deutschen Youtube-Comedytruppen, erhoben werden.

Die deutsche Webvideo-Szene ist in Aufruhr: Anlass ist ein Bericht des ARD-Magazins “Report Mainz”, das offensichtlich vor allem ein Video von “Y-Titty” moniert, einen Besuch der Gruppenmitglieder Philipp Laude (“Phil”) und Matthias Rol (“TC”) beim “Open Flair”-Festival im vergangenen Jahr. In dem Video, das über den Youtube-Zweitkanal “Die Jungs” von “Y-Titty” veröffentlicht wurde, spielt ein Samsung-Outdoor-Handy die tragende Rolle. Wie jeder auch unschwer minutenlang sehen kann…

Samsung hier, Samsung da, Samsung toll, Samsung cool. Es ist diese unverhohlene Produktshow, die laut “Report” deutsche Medienaufsichtsbehörden stört. Jürgen Brautmeier, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, gegenüber dem SWR: “Diejenigen, die so etwas machen, müssen auch kennzeichnen, dass da Werbung im Spiel ist. Solang das nicht passiert, haben wir Bedenken.”

Die Samsung-Episode ist aber nur die Spitze der Vorwürfe, die “Report” gegen Y-Titty (und auch gegen Nilam M. Farooq, besser bekannt als “Daaruum”) erhebt. Auch das Youtube-Netzwerk “Mediakraft”, das Y-Titty vermarktet, wird massiv kritisiert – vor allem die Spezialwerbeformen wie “Product Placement” und integrierte Werbung (“Branded Entertainment”), die Mediakraft ganz offen Werbekunden anbietet. Und weiter: Für die “redaktionelle Integration” in Youtube-Videos von Y-Titty oder Daaruum verlange das Unternehmen 80 Euro für tausend Klicks. Auf 650.000 Views, die Mediakraft für jedes Video garantiere, bedeute dieses “also 52.000 Euro brutto”.

Horrende Preise, die in der traditionell eher knapp kalkulierenden Youtuber-Szene hohe Wellen schlagen. Allerdings: Die Rechtslage ist längst nicht so klar, wie Medienwächter und Wettbewerbshüter sie sicher gerne hätten. Tatsächlich ist die Zone zwischen erlaubter und unerlaubter Werbung, in der sich Y-Titty und viele, sehr viele andere Youtuber weltweit befinden, nicht einmal grau. Sie ist nahezu unsichtbar.

Denn die riesige Webvideo-Welt, in der zumindest seit einigen Jahren versucht wird, über Lizenzen- und Urheberrechtsdiskussionen den größten Wildwuchs an Verstößen einzudämmen, hat hinsichtlich von Produktempfehlungen oder Werbung in den Videos vieler Produzenten unglaublichen Nachholbedarf. Mediengesetze, die in nahezu allen Länder der Welt dem rasenden digitalen Fortschritt nicht mehr folgen können, haben in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren vor allem auch in der Videoszene ein, vorsichtig ausgesprochen, laxes Verhältnis zwischen Redaktionen und werblichen Beiträgen entstehen lassen.

Beste Beispiele sind neben der üppigen Gamer- und Techszenerie die zahllosen “Beauty- und Mode-Vloggerinnen”, die ungehemmt über tolle Lippenstifte, Make-ups oder Tops schwärmen können und damit ein Millionenpublikum junger, kaufwilliger Teenies beeinflussen. Das Unrechts- oder zumindest Problembewusstsein tendiert bei diesen, meist gleichaltrigen Youtube-“Sternchen” gen Null und wird von Beauty-Konzerne und Werbeagenturen schon lange ausgenutzt. Schon darum sollte jetzt keiner – Produzenten, Vermarkter, Medienwächter und Journalisten – so tun, als habe er von gar nichts gewusst.

Auch für “Y-Titty” weist ein Anwalt die Vorwürfe zurück und erklärt: “Videos unserer Mandanten erhalten weder Kaufaufforderungen, noch rücken sie Produkte werbend in den Mittelpunkt.” Wenn Videos unterstützt würden, dann werde dies in gebotenem Umfang deutlich gemacht. Mediakraft glaubt sich ebenfalls im Recht: “Der gesetzliche Grundsatz der Trennung von Werbung von redaktionellen Inhalten wird von uns und unseren Partnern beachtet. Die Kennzeichnung erfolgt auf klare Weise.”

Trotzdem hat aufgrund der Recherchen von “Report Mainz” die für die Überwachung von Mediakraft zuständige Bezirksregierung Mittelfranken ein Prüfungsverfahren eingeleitet. Es ist kein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren, wie manche Mediendienste vermeldeten. Aber alle Beteiligten wissen: Dies kann nur der Anfang einer sehr notwendigen Diskussion sein.

Ein Kommentar von Ralf Klassen

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