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"Wetten, dass...?"-Sendung mit Markus Lanz und Hape Kerkeling: "Ödnis, Langeweile und grässliche Biederkeit" (Foto: Patrick Seeger/ZDF)
"Wetten, dass...?"-Sendung mit Markus Lanz und Hape Kerkeling: "Ödnis, Langeweile und grässliche Biederkeit" (Foto: Patrick Seeger/ZDF)

Keine Spur von Trauer: Die Presseschau zum Ende von “Wetten, dass…?”

Als Markus Lanz am Samstagabend um kurz vor 23 Uhr in knappen, schmucklosen Worten das bevorstehende Ende von “Wetten, dass…?” ankündigte, endete damit auch eine Ära des Fernsehens insgesamt. Aber von großer Trauer kann bei den Nachrufen der deutschen TV-Kritik keine Rede mehr sein.

Jan Freitag auf Zeit Online:
“Europas einst größte Unterhaltungssendung ist tot und schlimmer noch: keiner scheint darüber zu trauern. Nicht der Moderator, dieses tapfer glucksende Ziel mächtiger Shitstorms. Auch nicht sein Intendant Thomas Bellut, der ihm im Kloakeregen den Regenschirm versagte. Geschweige denn ein Publikum, das dem Zuschauerkrösus eiskalt die Quote geviertelt hat, seit dieses Lagerfeuer der TV-Nation an einem Februartag vor 33 Jahren 24 Millionen Menschen die Stuben wärmte.”

Jenny Hoch auf Welt.de:
“Nie wieder “Wetten, dass..?”, das bedeutet: Nie wieder bekloppte Wetten mit wurstwassertrinkenden und eierköpfenden Nobodys. Nie wieder Belanglosigkeiten von sich gebende Stars, die nur in die Mehrzweckhalle der Stadt, in der die Sendung gerade stattfindet, kommen, weil sie irgendein aktuelles Werk promoten müssen. Nie wieder Showtreppe, Musikeinlage und Leerlauf, wenn die Wetten vorbereitet werden. Ist das nun eine Erlösung oder ein Grund zur Trauer? Fehlt dem deutschen Fernsehen irgendetwas, wenn es “Wetten, dass..?” nicht mehr gibt? Nimmt man diese letzte Show vor der Sommerpause als Maßstab, lautet die Antwort: Nix fehlt. Lässigkeit, Witz oder Nonchalance? Fehlanzeige. Stattdessen Ödnis, Langeweile und grässliche Biederkeit, über zweieinhalb Stunden lang.”

Matthias Kohlmaier auf Süddeutsche.de:
“Wäre das Format noch immer das große Samstagabend-Fernseh-Lagerfeuer, das es einst wirklich war, hätte es auch einen mäßig witzigen Moderator ertragen. “Format schlägt Moderator”, hat selbst ZDF-Unterhaltungschef Oliver Fuchs in der aktuellen SZ gesagt. Mit der Absetzung von “Wetten, dass..?” räumt das ZDF also ein: Wir haben verstanden, diese Show hat sich überlebt. Es reicht einfach nicht mehr aus, ein paar Prominente in eine Halle zu karren, ein wenig zu singen und zu plaudern und dazwischen Menschen bei ihren obskuren Hobbys zuzusehen. Das sind alles Dinge, die auf youtube zu jeder Tages- und Nachtzeit in Hülle und Fülle verfügbar sind. Vor allem rechtfertigt Frank Elstners mehr als drei Jahrzehnte altes Konzept keine Show mehr, die laut ZDF-Intendant Bellut pro Ausgabe zwei bis 2,5 Millionen Euro kostet.”

Frank Lübberding auf FAZ.net
“(“Wetten, dass…?”) war das Genre dieser Generation, die noch das erlebt hatte, was Soziologen als die Mittelschichtsgesellschaft der Nachkriegszeit charakterisierten. Deren Kriterium war Homogenität mit weitgehend identischer Sozialisation. Vom Familienmodell mit Vater, Mutter und zumeist mehreren Kindern, bis zur Arbeitswelt. Alle westdeutschen Babyboomer können davon erzählen, und das erklärt die ansonsten schwer erklärbare Leidenschaft im Umgang mit einer ansonsten einfach gestrickten Unterhaltungssendung wie „Wetten, dass…?“. Diese Generation formulierte Erwartungen, die nichts anderes waren als die Suche nach einer untergegangen Welt.”

Thomas Lückerath auf DWDL.de:
“Acht Monate lang lässt das ZDF jetzt seinen ehemals scheinbar unersetzlichen Unterhaltungsdampfer dem traurigen Ende entgegen schippern mit einer Abschiedstournee, die – anders als damals vielleicht noch bei Thomas Gottschalk – kaum jemand feiern wollen wird. Schon wieder zieht es sich also. Erst Gottschalks Abschied, dann die Nachfolger-Suche, dann die hysterische, pausenlose Kritik an Lanz und jetzt der langgezogene Abschied. Die deutsche Presse wird sich jetzt noch einmal Monate lang intensiv mit dem Scheitern von „Wetten, dass..?“ beschäftigen und dabei wortreich vermutlich noch einmal genau das analysieren, was man schon Monate lang immer wieder im Voraus analysiert hatte. (…) Das Aus von „Wetten, dass..?“ ist am Ende irgendwie eine Erlösung für alle. Wir können „Wetten, dass..?“ hinter uns lassen. „Darüber wird zu reden sein?“ Nein, bitte nicht. Nicht jetzt. Wirklich nicht. Wir können einfach nicht mehr. Und wollen lieber über Fernsehen von morgen reden.”

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