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Das schreiben die Kritiker zum Tatort “Kaltstart” mit Wotan Wilke Möhring

Tatort-Folge "Kaltstart": "Dem Reiz der puren Optik erlegen" (Foto: ARD)

Tatort-Folge “Kaltstart”: “Dem Reiz der puren Optik erlegen” (Foto: ARD)

Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) sind die ersten ARD-Ermittler, die nicht bei der Kripo oder dem Landeskriminalamt, sondern bei der Bundespolizei ermitteln. Das soll der Krimireihe des Ersten mehr Themenmöglichkeiten und attraktive Einsatzorte verschaffen. Die aktuelle Folge “Kaltstart”, die sich vor der trostlosen Kulisse des JadeWeser-Ports in Wilhelmshaven mit Menschenhandel beschäftigt, überzeugte aber die meisten TV-Kritiker nicht so recht.

Christian Buß auf SPIEGEL Online:
“Ein Glück, sie leben. Nach der letzten Folge mit den Hamburger Ermittlern Falke und Lorenz hatte man sich ja ernsthaft Sorgen gemacht. Weil in Hamburg neben dem XXL-Cop Til Schweiger kein Platz für einen zweiten Cop ist, hatte man Falke in einer völlig abstrusen Episode auf Langeoog zwischengeparkt. Der Dreh mit der Bundespolizei eröffnet der Figur nun völlig neue Möglichkeiten: Als Mitglied einer Mobilen Fahndungseinheit (MFE) wird er mit den Auswüchsen globaler Kriminalität konfrontiert, außerdem wird mit ausgefuchsten Observations- und Verfolgungsinstrumenten gearbeitet. Beste Voraussetzungen also für einen modernen Thriller – die in “Kaltstart” (Buch: Volker Krappen, Raimund Maessen) auch zu einem XXL-Schocker nach Art des letzten Hamburger “Tatort” genutzt werden. Das Schleuser-Verbrechen führt zu einem Waffenhändlerkonsortium, das Milizen in Zentralafrika mit neuestem Gerät versorgt. Der Plot ist zwar über Strecken schwer überschaubar, die Täter, die das Geschehen im Hintergrund an Großbildleinwänden verfolgen, bleiben diffus, hinzu kommen einige kriminalistische Absurditäten. Dafür gibt es eine aufwühlende, souveräne Bildsprache.”

Sandra Zistl auf Focus.de:
“Es ist erst der dritte “Tatort” für Petra Schmidt-Schaller und Wotan Wilke Möhring, doch er ist alles andere als das, was der Titel suggeriert: “Kaltstart” ist ein kinotauglicher Thriller, in dem es um globalen Menschen- und Waffenhandel geht und in dem Polizisten von Drohnen verfolgt werden. (…) In „Kaltstart“ weiß der Zuschauer stets mehr als Falke und Lorenz, und genau das macht die Bedrohung, die den beiden immer mehr bewusst wird, umso greifbarer und diesen „Tatort“ kinotauglich. Trotz der großen Themen, die verhandelt werden, der bedrohlichen Waffen und der Action-Szenen, sind es die kleinen Gesten, die hier große Wucht entwickeln.”

Miriam Hollstein auf Welt.de:
“(…) so total ist diese Überwachung, dass man sich an Verschwörungstheorien der achtziger Jahre erinnert fühlt. Oder noch weiter zurück an Rainer Werner Fassbinders Science-Fiction-Film “Welt am Draht”, nur dass es dort Außerirdische waren, die die absolute Kontrolle ausübten. Möglich, dass die NSA Schuld ist, dass Drehbuchautoren erneut solchen Theorien folgen. Dabei wissen wir doch dank WikiLeaks, Ed Snowden und dem Eurohawk-Debakel, wie fehlerhaft die angeblich so perfekten Überwachungssysteme und Techniken sind. “Diese Geschichte glaubt uns kein Mensch”, sagt Kommissarin Lorenz am Ende. Das kann man auch über “Kaltstart” sagen.”

Judith von Sternburg in der “Frankfurter Rundschau”:
Wotan Wilke Möhrings Gesicht spiegelt die Wendung „etwas mit sich selbst ausmachen“, aber es gehört zu den beeindruckenden Qualitäten dieses Darstellers, sich auch das kaum anmerken zu lassen. Er kann selbst über seine geerbten Arbeiterhände reden, ohne dass Zuschauer schamrot im Boden versinken. Kollegin Lorenz, Petra Schmidt-Schaller, passt sich dem Minimalismus filigran an.”

Hans Hoff auf DWDL.de:
“Doch das mit der Aufklärung des Mordes ist nur die eine Geschichte. Die andere ist die des Ermittlers Falke, der sich keine privaten Gefühle erlauben mag, der sie seine Kollegen aber trotzdem am laufenden Band spüren lässt. Er ist kein guter Chef, eher ein Getriebener, ein grauer Wolf, der immerzu mürrisch guckt und dann in Einer-muss-das-ja-tun-Manier nach vorne prescht. Nicht immer hat der Wolf danach Fleisch im Maul. Viel zu oft bleibt ihm einfach nur der fahle Geschmack des Nichtmehrweiterwissens.
Um das zu demonstrieren, stellt Regisseur Marvin Kren seine Ermittler immer wieder in den Hafen. Mal neben die Container, mal neben riesig aufragende Schiffswände. Man weiß nicht immer, warum sie jetzt gerade genau dort stehen müssen, aber was soll’s? Ein schönes cooles Bild ist halt ein schönes cooles Bild, und da erliegt man bei der Inszenierung schon mal leicht dem Reiz der puren Optik.”

Nikolaus von Festenberg im Tagesspiegel:
“Diese Problemdichte – Kommissarseinsamkeit, Schleusergemeinheit, Sklavenelend, Asylschnulze, Fehlinvestitionstheater, polizeiliches Konkurrenzgerangel – versucht die Regie (Volker Krappen), mit einer Flucht in symbolische Bilder aufzulösen. Darunter leiden die Dialoge. „Waffen und Warlords, das passt“, sagt die Kommissarin Katharina. „Es geht ums Geld, das ganz große Geld.“ Klar. „Rohstoffe, in Afrika geht es doch immer um Rohstoffe.“ Ein zweifaches Klar. Als dann noch Drohnen vom Himmel herab einen bedrohlich gut gespielten Schurken (Andre Hennicke) verfolgen, stellt Falke fest: „Die Geschichte glaubt uns doch kein Mensch.“ Was stimmt, aber zum Glück auch nicht stimmt. Die Resignation über den Verlust polizeilicher Ordnungsmacht wird nicht unterschlagen oder vernebelt, sondern unerbittlich kalt serviert. Die Nachwuchsmacher trauen den Bildern mehr als den Gefühlen. Sie werden noch lernen.”

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