Home / Kritiken / Presseschau zum Tatort “Ohnmacht” aus Köln

Presseschau zum Tatort “Ohnmacht” aus Köln

"Tatort"-Episode "Ohnmacht": zwischen "Schmierenspiel" und Kammerstück (Foto: ARD)

“Tatort”-Episode “Ohnmacht”: zwischen “Schmierenspiel” und Kammerstück (Foto: ARD)

Der “Tatort” aus Köln mit seinen beiden Kommissar-Urgesteinen “Max Ballauf” (Klaus J. Behrendt) und “Freddy Schenk” (Dietmar Bär) ist einer der Dauerbrenner der ARD-Krimiserie.
Nachdem es in den vergangenen Jahren immer öfter Kritik an oft allzu plaktiven und platten gesellschaftskritischen Drehbüchern gegeben hatte, wurde die letzten Folgen von den TV-Kritiker weitaus besser besprochen. Bei der aktuellen Episode “Ohnmacht” allerdings gehen die Meinungen wieder meilenweit auseinander.

Zum Inhalt der Episode schreibt tatort-fans.de:
“Hauptkommissar Max Ballauf hat sich zusammen mit seinem Kollegen Schenk ein wohlverdientes Feierabendbier in der Kölner Innenstadt gegönnt. Auf dem Heimweg wird Ballauf in der U-Bahn Zeuge einer Schlägerei. Ein jugendliches Pärchen prügelt ohne erkennbaren Grund auf einen jungen Mann ein. Der Kommissar überlegt keine Sekunde lang und geht dazwischen. Bei der handfesten Auseinandersetzung erhält Ballauf einen kräftigen Schlag ins Gesicht – und wird direkt vor die U-Bahn gestoßen! Der Kölner Fahnder wird ohnmächtig. Aber er überlebt.”

Das übliche Kölner Krimi-Spiel beginnt: Ballauf darf wegen seiner eigenen Betroffenheit eigentlich nicht ermitteln, macht es aber doch, erste Spuren führen in das traditionell verdächtige Sozioklischee-Milieu, sogar die berühmt-berüchtigte Wurstbude der Kommissare taucht wieder auf…

Hans Hoff kritisiert dann auch folgerichtig auf DWDL.de zunächst die ersten 20 Minuten der Folge sehr heftig als “Schmierenspiel” mit massenhaften “Abschaltimpulsen”, um dann aber zu loben:
“Doch dann passiert etwas, das im deutschen Fernsehen äußerst selten passiert. Es dreht sich was. Unmerklich wandelt sich das Bauerntheater, und auf einmal wird man als Zuschauer hineingezogen in ein dichtes Geflecht aus Anschuldigungen und Abstreitereien, aus Lüge und Wahrheit. Was anfangs wie eine Gewissheit wirkte, steht plötzlich auf wackeligem Boden.”

Auch Christian Buß hebt auf Spiegel Online hervor:
“Eine gute Entscheidung, dass die Verantwortlichen des Kölner “Tatort” weitgehend darauf verzichten, mit handlichen küchenpsychologischen Argumenten das Verbrechen verstehbar zu machen. Gerade für die Figuren Schenk und Ballauf, die Erklärbären des Fernsehkrimis, die in der Vergangenheit oft gesellschaftliche Phänomene freundlich brummend in den dicken Tatzen hin- und herwendeten, bis sie sich in Wohlgefallen auflösten, ist das ein mutiger Schritt.”

Für Kurt Sagatz ist das trotzdem alles ein bisschen zu viel aufgetragen. Im Tagesspiegel mäkelt er:
“Es ist nicht das erste Mal, dass sich speziell der Kölner „Tatort“ mit Kritik an den bestehenden Verhältnissen hervortut. Doch in dem Versuch, die Kluft zwischen Recht und Gerechtigkeit, zwischen elterlicher Fürsorge und übersteigertem Beschützerinstinkt darzustellen, tragen Andreas Knaup (Buch) und Thomas Jauch (Regie) zu dick auf. Zu den vielen Ungereimtheiten dieses Kölner „Tatort“ kommt nun noch hinzu, dass Ballauf nach seinem beinahe tödlichen Ausflug auf die U-Bahngleise ohne psychologische Hilfe im Dienst bleiben darf.”

Und auch Elmar Krekeler ist für Welt.de nicht zufrieden:
“Die schrecklichste aller Schreckenskammern dieses fein in Graublautönen fotografierten “Tatort” (Regie: Thomas Jauch, Kamera: Clemens Messow) ist ein Haus wie eine feste Burg. Aus schweren Steinen, hinter einer schweren, schreckensvollen Tür. Filzpantoffeln stehen bereit. Ein Glastisch blitzt im Wohnzimmer. Eine Puppe liegt erschlagen auf dem Sofakissen. Eine Kernfamilie sitzt im dunstigen Licht. Eine Mutter, die ihr Gesicht niemals über einen Joghurt hängen dürfte, weil er sofort sauer würde. Ein Vater, den die Kältestation, in die sich sein Heim verwandelt hat, in eine hilf- und willenlose Marionette verwandelt hat. Eine Tochter, die aussieht wie die aktuelle Hermine-Granger-Preisträgerin, aber so böse ist wie Lord Voldemorts Enkelin. Dem hätte Drehbuchautor Andreas Knaup vertrauen können. Ohne Not begräbt er das Horrorhaus in Plotgewittern. Man möchte ständig den dramaturgischen Rotstift zücken, umschreiben, die unendlich unlustigen Technikfrotzeleien zwischen der neuen Nerd-Assistentin und den Digitaldeppen Ballauf und Schenk streichen, alles verschlanken, Max auf Moralinentzug setzen.”

"Tatort"-Folge "Ohnmacht" mit Lucie Heinze als neue Assistentin "Miriam Häslich" (Foto: ARD)

“Tatort”-Folge “Ohnmacht” mit Lucie Heinze als neue Assistentin “Miriam Häslich” (Foto: ARD)

Und natürlich ist auch die neue Assistentin von Ballauf und Schenk ein Thema bei den Kritikern. Aber während für die Einen die von Lucie Heinze gespielte “Miriam Häslich” nicht “sehr hübsch, ehrgeizig und selbstbewusst”, ist sie für die Anderen nur “total nervend”. So ist das mit diesem “Tatort” aus Köln: Er spaltet bis in die Nebenrollen.

Kommentar verfassen