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Presseschau zum Webvideopreis: Penis-Provo, Voting-Ärger, Macho-Show

"Penis-Eklat" beim Webvideopreis: "Du musst zum Fernsehen"

“Penis-Eklat” beim Webvideopreis: “Du musst zum Fernsehen”

Buhrufe für den Rapper Kollegah, der gleich drei Preise mitnehmen konnte, Lob für die professionelle Show – der Deutsche Webvideopreis ist bei Fans und Kritikern unterschiedlich aufgenommen worden.

Torsten Zarges auf DWDL.de:
“Über 7.000 Videos waren eingereicht worden, in 13 Kategorien wurden am Samstag Abend in Düsseldorf die Sieger gekürt. Dabei wurden die Entscheidungen zu jeweils gleichen Stimmanteilen von der Jury der European Web Video Academy (EWVA) und den Fans gefällt. Mehr als eine Million Internetnutzer hatten sich am Voting beteiligt – damit konnten die EWVA-Gründer Markus Hündgen und Dimitrios Argirakos im vierten Jahr ihres Preises einen neuen Rekord feiern. Zudem gelang ihnen eine kurzweilige, unterhaltsame Show – produziert von Rainer Laux, inszeniert von Mark Achterberg – mit deutlich mehr Drive als bei den meisten etablierten Medienpreisen.”

Daniel Fiene auf RP Online:
“Dieser Webvideopreis ist ein Abbild der deutschen Webvideoszene. Sie steckt bei weitem nicht mehr in den Kinderschuhen, aber ist auch noch längst nicht erwachsen. Eine Szene in der Pubertät. Joko und Klaas mimten die Adoleszenz-Beauftragten, eine Penis-Provokation die nicht zünden wollte, eine Preisverleihung die von einer professionellen Fernsehproduktion umgesetzt wurde und Nominierte mit einer unterschiedlichen Bandbreite. Vom selbstgedrehten Garten-Sketch bis hin zum aufwendigen Musikvideo.”

Julian Banse auf Broadmark:
“Der Gangsterrapper Kollegah ist zurzeit erfolgreich wie nie. Sein neues Album King steht in Österreich, Deutschland und der Schweiz auf Platz 1 der Albencharts und viele Auskopplungen haben es in die Top 100 der Singlecharts geschafft. Sein Youtubekanal, den er im November 2013 gestartet hat, erreicht mittlerweile fast 600.000 Abonnenten. Im April hat er mit seinen Videos über 13 Millionen Aufrufe erreicht. Trotzdem hat er sich beim Publikum mit seinen drei gewonnenen Preisen sehr unbeliebt gemacht. Das hat damit zutun, dass ihn viele nicht als Youtuber sehen, sondern als Rapper. Doch wer seinen Channel verfolgt, sieht klassische Youtubeformat, wie “Bosshaft unterwegs” oder “Lyrik Lounge”. Er betreibt für seinen Kanal einen hohen Aufwand und investiert sehr viel Zeit in Produktion, Verbreitung und Ideenfindung und kommt damit auf ein ähnliches Arbeitspensum wie andere Produzenten auch.”

Morten Freidel auf FAZ.net:
“Großartige Videos, wie etwa Manniacs Exkurs zum Überwachungsstaat, gingen (…) leer aus, obwohl gleich in zwei Kategorien nominiert. Das ist für Videos aus dem Jahr der Snowden-Enthüllungen ein ziemliches Armutszeugnis. Zwar enttäuschten nicht alle Gewinner und „Dr. Allwissend“ wurde nach zwei Nominierungen im letzten Jahr endlich ausgezeichnet. Auch in der Kategorie „Win“ gab es einen überzeugenden Sieger: einen Werbefilm, der einen Münchener Obsthändler wie ein riesiges, globales Unternehmen vorstellt. Trotzdem müssen sich die Veranstalter des Webvideopreises fragen, ob sie in Zukunft stärker auf ihr eigenes Urteil vertrauen wollen. Oder ob sie sich ihre Gewinner weiter von täglichem Voting vorgeben lassen. Dann nämlich unterscheidet sie nichts mehr vom Fernsehen.”

Eike Kühl auf Zeit Online:
“Insgesamt präsentierte sich der Deutsche Webvideopreis 2014 als eine testosterongeschwängerte Angelegenheit: Von den beiden männlichen Gastgebern hin zu den Nominierten gab es vor allem: viel Krawall, viel Geballer, viele Muskeln und viel Alltagssexismus in lustigen Reimen und bunten Bildchen verpackt. Etwas, das leider noch immer die Vorurteile gegenüber der YouTube-Szene in Deutschland bestätigt, obwohl diese längst mehr zu bieten hat. Die größere Enttäuschung aber ist, dass der Preis die Frauen der Szene nahezu komplett ausblendete. Am Ende standen Gewinner in 14 Kategorien gemeinsam auf der Bühne – es war keine einzige Frau dabei. Zwar waren unter den Nominierten mehr Webvideomacherinnen als noch in den vergangenen Jahren, doch gegen die bekannten männlichen Stars konnten sie beim Publikum nicht bestehen.”

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