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Die TV-Kritiken zum Tatort “Alle meine Jungs” aus Bremen

Szene aus dem Bremer "Tatort: Alle meine Jungs": Kritiker-Lob für den überragenden Schauspieler Roeland Wiesnekker (re) Foto: ARD

Szene aus dem Bremer “Tatort: Alle meine Jungs”: Kritiker-Lob für den überragenden Schauspieler Roeland Wiesnekker (re) Foto: ARD

Der “Tatort” aus Bremen ist traditionell ja eher gesellschaftskritisch angelegt, oft müssen Sabine Postel (als “Inga Lürsen”) und Oliver Mommsen (“Nils Stedefreund”) neben Mord und Totschlag auch noch himmelschreiende, soziale Ungerechtigkeiten oder andere kapitale Systemfehler bekämpfen. In den ersten Jahren des Duos gelang das oft weniger gut, mittlerweile aber hat das Bremer Team eine akzeptable Qualität erreicht. Im aktuellen Fall “Alle meine Jungs”, einem Krimi aus dem Müll-Millieu, gelingt das nach Meinung vieler Kritiker aber nicht durchgängig.

Kurt Sagatz im Tagesspiegel:
“Das Drehbuch zur Folge „Alle meine Jungs“ stammt von den drei Autoren Erol Yesilkaya, Boris Dennulat und Matthias Tuchmann. Ihr Krimi lässt viel Verständnis für die ehemaligen Straftäter erkennen. „Ex-Knackis sollen auch eher aus den Augen – so wie der Müll. Was aber, wenn sich diese Leute selbst resozialisieren, mit Stolz, Würde, Witz und Selbstbewusstsein“, erzählt Dennulat von den Überlegungen der Autoren. Doch genauso, wie in dem Film auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet wird, sind die Autoren nicht der Versuchung erlegen, den Zusammenhalt in dieser Parallelgesellschaft zu romantisieren. So wie jede andere Organisation mit mafiaähnlichen Strukturen kommt auch diese nicht ohne Gewalt aus. Die coolen Müllmänner sind alles andere als nett, wenn einer von ihnen gegen die Regeln verstößt.”

Christian Buß ist auf SPIEGEL online eigentlich ganz zufrieden:
“Aufstieg dank Abfall: In einer tollkühnen Genre-Mixtur erzählt “Alle meine Jungs” von einer etwas anderen Parallelgesellschaft, von einer Schattenwirtschaft im Schatten der Müllberge. Hier die hemdsärmlige Milieugeschichte, dort die Mafia-Groteske, und schließlich beinhaltet dieser “Tatort” auch noch einen Korruptionskrimi. (…) Beachtlich, wie Regisseur Florian Baxmeyer die Balance hält zwischen Fabulierlust und Gegenwartsbezug. Die Verantwortlichen des Bremer “Tatort” wagten immer viel, gingen dafür freilich auch öfter mal baden. Immerhin: Ein Bremer Krimi ist eigentlich nie richtig langweilig.”

Miriam Hollstein lobt auf Welt.de vor allem die Akteure:
“Im Gegensatz zu anderen “Tatort”-Folgen, in denen überdeutlich grimassierende und gestikulierende Theaterschauspieler nicht zu bemerken scheinen, dass sie vor der Kamera und nicht auf der Bühne stehen, spielt in “Alle meine Jungs” eine ganze Riege exzellenter Akteure auf den Punkt. Roeland Wiesnekker gibt den Sozialarbeiter mit diabolischer Ambivalenz. Jacob Matschenz ist als Sascha so überzeugend impulsiv-proletenhaft, dass man sich an den jungen Robert De Niro erinnert fühlt.

Und Hans Hoff hebt aufDWDL.de eine Schauspieler besonders hervor:
“(Roeland) Wiesnekker ist die Idealbesetzung für so einen, für einen, dem man alles zutraut, der aber nie alles offenbart, der das Gemeine unter einer Schicht von höflicher Liebenswürdigkeit verbirgt. Wiesnekker trägt diesen Film über weite Strecken. Immer wenn er auftaucht, ist dieser „Tatort“ ein richtig guter. Leider ist er nicht ständig im Bild. Viel zu oft ermitteln Lürsen und Stedefreund langatmig und umständlich. Regisseur Florian Baxmeyer hat einfach nicht das richtige Maß gefunden zwischen der drögen Kriminalarbeit und dem durch Wiesnekker schillernden Verbrechen. Das hat streckenweise das große Gähnen zur Folge. Man möchte die Glotze anschreien und fragen: Wo bleibt Wiesnekker?”

Auch Jürn Kruse in für die taz nicht richtig zufrieden:
“Es hätte eine spannende Milieustudie über eine groteske Parallelgesellschaft werden können – aufgebaut auf Abfall. Selten wurde das Einsammeln von Müll so ästhetisch eingefangen: Zeitlupe, abklatschen, lachen, die geilsten Jungs der Stadt.
Doch leider will dieser „Tatort“ zu viel. Er stellt ein paar Fragen zu viel: Wieso musste Maik Decker sterben? Und wo ist Maik Deckers bester Freund, der ebenfalls Müllmann und nach der Tat abgehauen ist? Und wo ist das Video, mit dem Decker den Papa erpressen wollte? Und wie schafft es Papa Uwe Frank den Clan zu führen? Und wie kommen die Müllmänner zu ihren außerordentlich gut dotierten Verträgen? Und was hat das Ganze mit der weit verzweigten Müllmafia zu tun?”

Das schreiben die Kritiker zum “Tatort” aus München

"Tatort-"Folge "Am Ende des Flurs" (mit Franz Xaver Kroetz und Fanny Risberg): "Männer, die auf Frauen starren" (Foto: ARD)

“Tatort-“Folge “Am Ende des Flurs” (mit Franz Xaver Kroetz und Fanny Risberg): “Männer, die auf Frauen starren” (Foto: ARD)

Der “Tatort” aus München ist eine der ewigen Konstanten in der Krimiserie der ARD. Mit seinen beiden Kommissaren Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) sorgen die Folgen aus Bayern seit Jahren für meist grundsolide, mitunter gar außergewöhnlich gute Unterhaltung, auch weil die Drehbücher häufig auf geschickte Art und Weise das Privatleben der Ermittler mit einbeziehen. So auch in der gestrigen Folge “Am Ende des Flurs”, die bei den TV-Kritikern durch die Bank gut ankommt. Zunächst aber geht es einmal um eine neue Personalie.

Karoline Meta Beisel schreibt auf Süddeutsche.de über den neuen Assistenten der Münchner Kommissare:
“Jetzt also Kalli Hammermann, er ist mit Abstand der jüngste “Tatort”-Ermittler im ganzen Land. (…) Hilft am Tatort, die Schaulustigen fernzuhalten, untersucht die Wohnung des Opfers. Er wird noch nicht mal vorgestellt, er ist einfach plötzlich da, ohne großes Trara. Und es sieht ganz so aus, als würde er bleiben: Kallis zweite Folge ist schon abgedreht, eine dritte fest vereinbart. Kalli ist ein echter Bayer. Er kommt vom Land und ist neu bei der Mordkommission. Er ist ein bisschen naiv, eifrig und manchmal auch übereifrig – kaum hat er den gut sortierten Schuhschrank des Opfers gesehen, da ist die Schlussfolgerung auch schon ausgesprochen: “eine Professionelle!”

Nun geht es aber mit dem Krimi los, Christoph Cöln schwärmt auf Welt Online:
“Was für eine Frau. Sie schaut dich an, volle Lippen, dunkle Augen, sündiger Blick. Sie gleitet ganz langsam durch den Raum, weiße Wände, weißes Sofa, alles weiß. Ein Traumraum. Dann wirft sie ihren Raketenkörper übers Sofa, vom Plattenspieler weht eine Soul-Ballade herüber, eine Männerstimme aus dem Off fragt: “Was möchtest du jetzt?” Drei Schnitte später liegt der zerschmetterte Körper dieser Göttin in einer Blutlache. Das Pflaster färbt sich rot, und niemand bleibt hier jungfräulich. Ob ein “Tatort” was taugt, weiß man meist erst hinterher. Hier weiß man’s nach der ersten Minute.”

Christian Buß auf SPIEGEL Online:
“Männer, die auf Frauen starren: Die Münchner “Tatort”-Episode “Am Ende des Flurs” ist ein Lehrstück über Anbetungstechniken geworden. Was war die Verstorbene? Hure, Heilerin, Heilige? Oder doch einfach nur eine Projektionsfläche für die Spannbreite männlicher Sehnsüchte und Begierden? Regisseur und Autor Max Färberböck (“Aimée & Jaguar”) gelingt es, sein Krimidrama bei aller unerbittlichen sexualökonomischen Genauigkeit in einem eigentümlichen Schwebezustand zu halten. Es gibt einige sehr blutige Szenen, insgesamt aber kommt der Film leise und zuweilen gar poetisch wie ein Requiem daher; in Rückblenden sehen wir Momentaufnahmen der Toten, die sich erst einmal zu keinem Gesamtbild fügen lassen. Ein Erinnerungspuzzle, bei dem wir uns leider nicht auf die Zuverlässigkeit der Erinnernden verlassen können.”

Hans Hoff auf DWDL.de:
“Es geht Schlag auf Schlag in diesem „Tatort“. Gab es früher im Verhältnis der Kommissare ein bisschen viel Gemächlichkeit, so hat Regisseur Max Färberböck diese von ihm selbst gemeinsam mit Catharina Schuchmann geschriebene Story nachgerade atemlos inszeniert. Mit Liebe komponierte Bilder werden rasant aneinander geschnitten, es überstürzen sich die Ereignisse, doch es steht nicht nur die Jagd nach dem Mörder im Mittelpunkt.
Vielmehr geht es lange um die Frage, wie es eine Frau schaffen konnte, so viele Männer so nachhaltig zu betören. Jeder, der bei ihr war, hat sich eingebildet, sie sei nur für ihn auf der Welt, jeder hat ihre innere Größe für seine eigene gehalten.”

Marina Antonioni auf Focus.de:
“„Ich hab gedacht, ich kenn’ dich und jetzt stehst du da wie ein Irrer!“, brüllt Batic den Kollegen an, als der auf eigene Faust Verdächtige verfolgt und sich in den Fall verbeißt. Dass sich die beiden Münchner Kommissare die Meinung sagen, kommt öfter vor. Hier aber geht es ans Eingemachte. Eine neue, zerbrechliche Seite von Leitmayr steht im Zentrum und gibt diesem Film Tiefe. In melancholischen Rückblenden wird aus seinem Privat- und Liebesleben erzählt. (…) Unbedingt einschalten!”

Das schreiben die Kritiker zum Tatort “Kaltstart” mit Wotan Wilke Möhring

Tatort-Folge "Kaltstart": "Dem Reiz der puren Optik erlegen" (Foto: ARD)

Tatort-Folge “Kaltstart”: “Dem Reiz der puren Optik erlegen” (Foto: ARD)

Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) sind die ersten ARD-Ermittler, die nicht bei der Kripo oder dem Landeskriminalamt, sondern bei der Bundespolizei ermitteln. Das soll der Krimireihe des Ersten mehr Themenmöglichkeiten und attraktive Einsatzorte verschaffen. Die aktuelle Folge “Kaltstart”, die sich vor der trostlosen Kulisse des JadeWeser-Ports in Wilhelmshaven mit Menschenhandel beschäftigt, überzeugte aber die meisten TV-Kritiker nicht so recht.

Christian Buß auf SPIEGEL Online:
“Ein Glück, sie leben. Nach der letzten Folge mit den Hamburger Ermittlern Falke und Lorenz hatte man sich ja ernsthaft Sorgen gemacht. Weil in Hamburg neben dem XXL-Cop Til Schweiger kein Platz für einen zweiten Cop ist, hatte man Falke in einer völlig abstrusen Episode auf Langeoog zwischengeparkt. Der Dreh mit der Bundespolizei eröffnet der Figur nun völlig neue Möglichkeiten: Als Mitglied einer Mobilen Fahndungseinheit (MFE) wird er mit den Auswüchsen globaler Kriminalität konfrontiert, außerdem wird mit ausgefuchsten Observations- und Verfolgungsinstrumenten gearbeitet. Beste Voraussetzungen also für einen modernen Thriller – die in “Kaltstart” (Buch: Volker Krappen, Raimund Maessen) auch zu einem XXL-Schocker nach Art des letzten Hamburger “Tatort” genutzt werden. Das Schleuser-Verbrechen führt zu einem Waffenhändlerkonsortium, das Milizen in Zentralafrika mit neuestem Gerät versorgt. Der Plot ist zwar über Strecken schwer überschaubar, die Täter, die das Geschehen im Hintergrund an Großbildleinwänden verfolgen, bleiben diffus, hinzu kommen einige kriminalistische Absurditäten. Dafür gibt es eine aufwühlende, souveräne Bildsprache.”

Sandra Zistl auf Focus.de:
“Es ist erst der dritte “Tatort” für Petra Schmidt-Schaller und Wotan Wilke Möhring, doch er ist alles andere als das, was der Titel suggeriert: “Kaltstart” ist ein kinotauglicher Thriller, in dem es um globalen Menschen- und Waffenhandel geht und in dem Polizisten von Drohnen verfolgt werden. (…) In „Kaltstart“ weiß der Zuschauer stets mehr als Falke und Lorenz, und genau das macht die Bedrohung, die den beiden immer mehr bewusst wird, umso greifbarer und diesen „Tatort“ kinotauglich. Trotz der großen Themen, die verhandelt werden, der bedrohlichen Waffen und der Action-Szenen, sind es die kleinen Gesten, die hier große Wucht entwickeln.”

Miriam Hollstein auf Welt.de:
“(…) so total ist diese Überwachung, dass man sich an Verschwörungstheorien der achtziger Jahre erinnert fühlt. Oder noch weiter zurück an Rainer Werner Fassbinders Science-Fiction-Film “Welt am Draht”, nur dass es dort Außerirdische waren, die die absolute Kontrolle ausübten. Möglich, dass die NSA Schuld ist, dass Drehbuchautoren erneut solchen Theorien folgen. Dabei wissen wir doch dank WikiLeaks, Ed Snowden und dem Eurohawk-Debakel, wie fehlerhaft die angeblich so perfekten Überwachungssysteme und Techniken sind. “Diese Geschichte glaubt uns kein Mensch”, sagt Kommissarin Lorenz am Ende. Das kann man auch über “Kaltstart” sagen.”

Judith von Sternburg in der “Frankfurter Rundschau”:
Wotan Wilke Möhrings Gesicht spiegelt die Wendung „etwas mit sich selbst ausmachen“, aber es gehört zu den beeindruckenden Qualitäten dieses Darstellers, sich auch das kaum anmerken zu lassen. Er kann selbst über seine geerbten Arbeiterhände reden, ohne dass Zuschauer schamrot im Boden versinken. Kollegin Lorenz, Petra Schmidt-Schaller, passt sich dem Minimalismus filigran an.”

Hans Hoff auf DWDL.de:
“Doch das mit der Aufklärung des Mordes ist nur die eine Geschichte. Die andere ist die des Ermittlers Falke, der sich keine privaten Gefühle erlauben mag, der sie seine Kollegen aber trotzdem am laufenden Band spüren lässt. Er ist kein guter Chef, eher ein Getriebener, ein grauer Wolf, der immerzu mürrisch guckt und dann in Einer-muss-das-ja-tun-Manier nach vorne prescht. Nicht immer hat der Wolf danach Fleisch im Maul. Viel zu oft bleibt ihm einfach nur der fahle Geschmack des Nichtmehrweiterwissens.
Um das zu demonstrieren, stellt Regisseur Marvin Kren seine Ermittler immer wieder in den Hafen. Mal neben die Container, mal neben riesig aufragende Schiffswände. Man weiß nicht immer, warum sie jetzt gerade genau dort stehen müssen, aber was soll’s? Ein schönes cooles Bild ist halt ein schönes cooles Bild, und da erliegt man bei der Inszenierung schon mal leicht dem Reiz der puren Optik.”

Nikolaus von Festenberg im Tagesspiegel:
“Diese Problemdichte – Kommissarseinsamkeit, Schleusergemeinheit, Sklavenelend, Asylschnulze, Fehlinvestitionstheater, polizeiliches Konkurrenzgerangel – versucht die Regie (Volker Krappen), mit einer Flucht in symbolische Bilder aufzulösen. Darunter leiden die Dialoge. „Waffen und Warlords, das passt“, sagt die Kommissarin Katharina. „Es geht ums Geld, das ganz große Geld.“ Klar. „Rohstoffe, in Afrika geht es doch immer um Rohstoffe.“ Ein zweifaches Klar. Als dann noch Drohnen vom Himmel herab einen bedrohlich gut gespielten Schurken (Andre Hennicke) verfolgen, stellt Falke fest: „Die Geschichte glaubt uns doch kein Mensch.“ Was stimmt, aber zum Glück auch nicht stimmt. Die Resignation über den Verlust polizeilicher Ordnungsmacht wird nicht unterschlagen oder vernebelt, sondern unerbittlich kalt serviert. Die Nachwuchsmacher trauen den Bildern mehr als den Gefühlen. Sie werden noch lernen.”

Presseschau zum „Tatort” aus Luzern: “Zwischen zwei Welten“

"Tatort"-Folge:"Zwischen den Welten": Übereifrig und verkrampft. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

“Tatort”-Folge:”Zwischen den Welten”: Übereifrig und verkrampft. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Einfach nicht richtig warm werden sowohl viele Zuschauer als auch die meisten TV-Kritiker mit den “Tatort”-Episoden aus der Schweiz. Für die vergangenen Folgen des SRF-Krimis aus Luzern gab es im Durchschnitt eher mäßige Noten und Quoten. Auch für den Fall “Zwischen den Welten” heimste der Schweizer “Tatort” alles andere als überschwängliches Lob ein.

Kurt Sagatz auf Tagesspiegel.de:
“Wie soll man den Hinterbliebenen den Tod eines geliebten Menschen erklären, wenn es sich dabei um drei Kinder handelt, denen diese Nachricht überbracht werden muss? Diese Aufgabe steht für die Luzerner Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) am Anfang des Schweizer „Tatort“ mit dem Titel „Zwischen zwei Welten“. Wegen des Osterfestes strahlt die ARD diese Folge der Krimireihe am Montag aus. Eine Lösung für dieses Problem gibt es freilich nicht. Bei der Toten am Bahndamm handelt es sich um Donna Müller. Sie hat sich beim Fall von einer hohen Mauer das Genick gebrochen.”

Felix Müller für die Berliner Morgenpost:
“Etwas übereifrig und verkrampft setzen sich die Drehbuch-Autoren Eveline Stähelin und Josy Meier mit ihrer Geschichte gegen die Klischees zur Wehr, die hierzulande über die Schweiz kursieren mögen. Nein, wir haben es hier nicht mit behäbigen Bergbewohnern zu tun, die mit ihrer superintakten Familie im Chalet sitzen und grillierte Poulets degustieren. Nein, so ist die Schweiz nicht, sie ist hart, prekär, und sie voller Patchwork-Familien. Denn die Kinder der Toten, so erfahren wir, stammen von drei verschiedenen Vätern: Einer ist nach Indien ausgewandert und lebt in einem Ashram, ein weiterer ist längst mit einer anderen zusammen, zahlt Alimente und will es damit gut sein lassen, während ein Dritter sich um seine Sorgerechte betrogen sieht und nach der Trennung einen wüsten Hass auf alle Frauen entwickelt hat.”

Christian Buß auf Spiegel Online:
“Scheidungsterror und Vernachlässigung, Selbstbetrug und Verrat: Die Kinder waren immer auf sich selbst gestellt, entweder wurde an ihnen gezerrt, oder sie wurden ignoriert. Schwierig zu sagen, was schmerzhafter war. Die Mutter, so finden die Ermittler Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser) bald heraus, flüchtete sich immer wieder in die Esoterik. Zur Zeit ihrer Ermordung absolvierte sie gerade eine Ausbildung zur “spirituellen Heilerin”. (…) Die Verantwortlichen des Schweizer “Tatort” (Buch: Eveline Stähelin und Josy Meier, Regie: Michael Schaerer) vermeiden trotz der krassen Ausgangssituation allzu plakative Ausschmückungen. Die Väter sind bei allen Unzugänglichkeiten keine Monstren, da ist zuweilen sogar wahre Liebe im Spiel, und die tote Mutter erscheint rückblickend nicht als kriminell egozentrische Sinnsucherin.”

Claudia Schwartz in der “Neuen Züricher Zeitung”:
“Da die Tote sich als spirituelle Heilerin ausbilden liess, nehmen Flückiger und Ritschard deren Lehrer (Grégoire Gros) als eine Art Medium in Anspruch. Herr Guggisberg soll mit der Toten in Kontakt treten, um herauszufinden, was an dem Abend geschah. Der spiritistische Draht zu der Frau bricht dann aber im entscheidenden Moment ab, und der Geistheiler erklärt: “Hier bei uns bestimmen die Verstorbenen noch selber, was sie uns sagen möchten und was nicht.” Wir geben uns alle erdenkliche Mühe. Aber vielleicht ist es doch keine gute Idee, wenn ein «Tatort» antritt, seinen Kriminalkommissaren auf die Art einen anderen Zugang zum Tod erschliessen zu wollen, nicht nur, weil diese sich damit selbst abschaffen würden.”

Hans Hoff auf DWDL.de:
(Auch die gute schauspielerische Leistung von Delia Mayer) rettet diesen “Tatort” nicht aus seinem Schlaf, denn so modern er mit Wackelkamera und Unschärfen in Szene gesetzt sein mag, so konventionell ist er doch im Grunde. Wer war es? Die Frage hängt über allem und dient als eine Art Wäscheleine, an der man die restlichen Themen des Films befestigt: männerhassende Feministinnen ebenso wie verbitterte Selbsthilfeväter und bübchenhafte Eso-Onkels. Das ergibt ein Mischmasch der eher unausgegorenen Art. Nicht richtig schlecht, aber irgendwie auch nicht gut. Für einen Ostermontag hätte man sich da doch eher etwas Aufmunterndes gewünscht.”

Presseschau zum “Tatort” aus Münster: “Der Hammer”

"Tatort"-Folge "Der Hammer":

“Tatort”-Folge “Der Hammer”: Maskenmann gegen Flatrate-Puff

Der “Tatort” aus Münster mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers als ein Ermittlerpärchen wie Feuer und Wasser gehört seit Jahren zu den beliebtesten Folgen der ARD-Krimiserie. Allerdings bemängelten die TV-Kritiker in den vergangenen Episoden einen übertriebenen Hang zur reinen Blödelei. Die aktuelle Folge “Der Hammer”, über einen skurrilen Möchtegernrächer im Superheldenkostüm schneidet bei den Rezensenten aber wieder besser ab.

Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung:
“Der Tatort als Sendung mit der Fledermaus. Ein Mann, kostümiert mit Wollmütze, Strumpfhose, Flügelumhang und Hodenschutz aus Plastik, will den Bau des Großpuffs Waikiki-Oase in Münster verhindern. Der Maskierte hat eine Spritzpistole dabei und einen Hammer, mit dessen Hilfe er seine Opfer durchnummeriert. Er quatscht allerdings zu viel, als dass ihn jemand wirklich fürchten könnte. Er brüllt: „Ich bin der Hammer, der auf das Geschmeiß niedergeht.“ Er ruft: „Sehe ich aus wie ein Idiot in Strumpfhosen?“ Die Antwort ist: ja.”

Elmar Krekeler auf Welt.de
“Eine wunderbare Moritat hätte man aus dem “Hammer” machen können. Eine nächtliche Elegie über einen Geist, der stets das Gute will, und stets nicht nur das Böse haut, sondern es auch schafft, eine finstere Philosophie über die Grenzen des Rechtsstaates. Aber wir sind ja in Münster. Da darf das nicht, auch nicht zum Jubiläumsfall (mit “Der Hammer” haben Boerne und Thiel das Viertelhundertfälle voll). Da muss es lustig zugehen und albern. Da steckt der Krimi in einem lächerlichen Humorkorsett fest. Lars Kraume, Grimmepreisträger und Regisseur und Drehbuchautor vom “Hammer”, muss man sich nun als eine Art Bruce Banner von Münster vorstellen. Wie der Nuklearforscher, der zu Hulk wird und dabei seinen Anzug zerreißt, unternimmt Kraume den heroischen Versuch, das Humorkorsett von Münster von innen her zum Bersten zu bringen. Es bleibt vorerst beim Versuch, doch man sieht schon die Risse. Es bricht endlich Licht durch die betonierte Witzdramaturgie.”

Christian Buß auf “SPIEGEL Online”
“Die scheinbare Unangestrengheit, mit der Kraume die humoristische Entfesselung probt, und die nonchalante Detailversessenheit in Bezug auf die Figuren – das erinnert in den besten Momenten an den höheren Klamauk der Coen-Brüder. Und so findet der Münsteraner “Tatort” zum Jubiläum endlich seine Bestimmung: Die Provinz wird zum grotesken Parallelkosmos, in dem auf aberwitzige Weise der eine mit dem anderen verbandelt ist. Wie weh das tut. Wie gut das tut.”

Hans Hoff auf DWDL.de:
“Ja, die in Münster sind wieder lustig. Richtig lustig und das mehrfach. Das macht schon deshalb doppelten Spaß, weil der Sonntagskrimi in den vergangenen Wochen so sehr von Minderleistern beherrscht wurde, dass es schon wehtat.”

Kurt Sagatz im Tagesspiegel:
“Bei aller Komik verliert dieser Krimi zum Glück nicht aus dem Blick, dass ein Mord – und erst recht ein Serienmord – immer auch einen ernsten Hintergrund hat. Um dies zu verdeutlichen, benötigt ein „Tatort“ aus Münster allerdings einen breiteren Pinsel als andernorts. Oder eine breitere Blutspur.”

Der Tatort “Borowski und das Meer” aus Kiel im Pressespiegel

ARD-Tatort "Borowski und das Meer"

ARD-Tatort “Borowski und das Meer”: “Anhäufung von Dilettantismus”

Der Kieler “Tatort”, mit Axel Milberg in der Rolle als kauziger Ermittler Klaus Borowski, hatte sich in den vergangenen Jahren zu einer echten Größe in der Reihe der legendäre ARD-Krimiserie entwickelt. Oft komplexer und mysteriöser angelegt als viele andere Episoden des Formates, avancierte der Kommissar von der Küste, auch mithilfe seiner von Sibel Kekilli und zuvor Maren Eggert überzeugend gespielten Assistentinnen zu einem Favoriten bei Zuschauern und Kritikern gleichermaßen. Zumindest Teile der letzteren haben aber mit der aktuellen Folge “Borowski und das Meer” riesige Probleme. Es fallen harsche Worte, von “Superflop” und “Dilettantismus” ist die Rede. Aber lesen Sie selbst.

Annette Berger auf Stern.de:
“Borowski und das Meer” kommt zunächst wie ein Öko-Krimi daher, da es um dunkle Machenschaften bei der Förderung von Rohstoffen in der Tiefsee geht. Erfolgsautor Frank Schätzing (“Der Schwarm”) ist in einer Gastrolle zu sehen. Leider verblasst das Umweltthema im Laufe der Handlung. Es geht, passend zum Frühlingsanfang, vor allem um Liebe. Auch Borowski und seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) sind verknallt – aber nicht ineinander. Der Krimi ist sicher nicht der beste aus der Borowski-Reihe, hat aber gute Momente.”

Holger Gertz auf Süddeutsche.de:
“Der aktuelle Fall “Borowski und das Meer” ist von Sabine Derflinger (Regie) und Autor Christian Jeltsch, beide haben ausgezeichnete Sachen fürs Fernsehen gemacht, ihr Borowski allerdings wird eingeschworenen Borowskisten fremd vorkommen. Stichwort Figurenentwicklung: Arangos Borowski ist ein Seelenleser, schwer geerdet, er ist auf angenehme Art uncool mit seiner warmen Art der Lakonie. Dieser auf Womanizer gestrickte Borowski hier soll dagegen flamboyant und locker sein, sehr locker brummt er also “Arschloch”. Seine Ironie wirkt ehrgeizig, nicht beiläufig: “Wissen Sie, was ich an Ihnen so mag? Ihre Selbstlosigkeit”, sagt der lockere Borowski. Der unlockere Borowski hätte womöglich nur Blicke sprechen lassen – wie ja, bei Arango, sehr oft sehr lange nicht geredet wird, ein Markenzeichen.”

Bernhard Schulz im Tagesspiegel:
“Regisseurin Derflinger hat sich nicht recht entscheiden können, ob sie einen Krimi oder ein Kammerspiel inszenieren wollte. Einerseits „Tatort“, andererseits Beziehungskiste, dies übrigens nicht nur zwischen Borowski und Brandt, sondern auch zwischen Jens Adam und seiner zwischen Gattentreue und Verbitterung zerriebenen, von Nicolette Krebitz eindringlich verkörperten Ehefrau Marte. Und auch zwischen der verhärteten Firmenchefin und ihrem Pistolenmann Fred Pollack, den Aleksandar Tesla eher geflissentlich als bedrohlich ausstattet.”

Hans Hoff auf DWDL.de:
“Christian Jeltsch hat das Buch geschrieben und es sicherlich gut gemeint. Allein, es hat nichts genützt. Das Endprodukt ist eine derartige Anhäufung von Dilettantismus, dass es nachhaltig schmerzt. Kaum zu glauben, dass der Kieler „Tatort“ noch Ende vergangenen Jahres mit „Borowski und der Engel“ zu den Highlights des Krimijahres gehörte. Aber so schnell kann das gehen in der ARD. Gestern noch top, heute Superflop. Axel Milberg kann noch am wenigsten für diese Katastrophe. Er spielt seinen Kommissar Borowski mit gewohnter Gleichförmigkeit, da ist nicht viel zu mäkeln. Was aber bleibt von einem wie Milberg, wenn er umzingelt ist von Minderleistern. Da versagt nicht nur Kekilli als seine ständig von Epilepsieanfällen bedrohte Assistentin auf ganzer Linie, auch Nicolette Krebitz als Gattin des Verschwundenen und Karoline Eichhorn als skrupellose Chefin sind mimische Totalausfälle.”

Christian Buß auf SPIEGEL Online:
“Das ist gerade deshalb schade, weil der gelegentlich ins Stocken geratenen Borowski-“Tatort” eigentlich gerade so einen guten Lauf hatte. Wie in keinem anderen TV-Revier war man in Kiel auf Tuchfühlung mit Schizophrenen, Psychopathen und Borderlinerinnen gegangen, hatte einen konsequenten, eigenen Stil entwickelt, bei dem noch der schrägste Ton und die bizarrste Wendung im Plot aufgingen. Die Quoten waren passabel, ein Ermittlerstar war der störrische Borowski eben nie. Umso mehr Bewegungsfreiheit hatte er aber bei der Annäherung an menschliche Abgründe. Mit dem Event-“Tatort” versucht man nun, den nordischsten aller deutschen Fernsehkrimis wieder mal ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu bescheren. Doch am Ende lässt uns das verworrene, lärmige, zugequatschte Ozeanologen-Spektakel nur sehnsüchtig an Borowskis Tauchgang denken. Komm, süße Stille.”