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Jennifer Sky: Ein Teenie-Model rechnet auf Youtube ab

Ex-Model Jennifer Sky (1992 und heute): Zornige Abrechnung mit der Modeindustrie (Fotocredit: Jennifer Sky/Youtube)

Ex-Model Jennifer Sky (1992 und heute): Zornige Abrechnung mit der Modeindustrie
(Fotocredit: Jennifer Sky/Youtube)

Jeder kann zum Sender werden – das ist mehr als ein digitaler Werbespruch. Im Zeitalter von Youtube können auch Menschen innerhalb kürzester Zeit ihre Anliegen weltweit verbreiten, die noch vor wenigen Jahren kaum eine Chance auf Gehör gefunden hätten. Auch deshalb hat Jennifer Sky für ihre Abrechnung mit der Modebranche ein eigenes Video für Youtube produzieren lassen. Viele etablierte Medien hätten aus Angst vor wichtiger Werbekundschaft möglicherweise Bedenken gehabt, über ihre Erinnerungen zu berichten.

Tatsächlich sind die Aussagen von Jennifer Sky, die jetzt als Schauspielerin arbeitet, nicht schmeichelhaft für die milliardenschwere Branche: Die heute 37-jährige Amerikanerin  arbeitete als Teenie-Model in den 90-er Jahren, war ohne ihre Eltern auf Engagements in Asien, Europa und Südamerika. Doch ihre Agentur, die ihr Schutz und Betreuung garantiert hatte, habe sie nur ausgenutzt, klagt Jennifer Sky nun in ihrem Clip mit dem Titel “Stoppt den Missbrauch von Kindern in der Modeindustrie”. Sie hätte viele harte, lange Arbeitsschichten absolvieren müssen, sei oft verloren am Set unter lauter Fremden gewesen, auch sexuelle Belästigung habe zu ihrem Alltag gehört. Das, was sie erlebt habe, sei immer noch gang und gäbe in der Szene, begründet Sky ihre Initiative.

Der Trend nach ganz jungen Models ist ungebrochen

Tatsächlich ist in der Modebranche der Trend nach ganz jungen Models noch ungebrochen.  54 Prozent der Models starten ihre Karriere bereits mit 16 oder jünger, Agenturen werben Mädchen bereits mit 13 Jahren an. Viele Modezeitschriften veröffentlichen Fotos von minderjährigen Mädchen, die “auf alt”, also auf Twen-Alter, getrimmt werden. Nur langsam komme Hoffnung auf, so Sky weiter: “In New York wurde nun ein Gesetz erlassen, dass Kinder-Models die gleichen Rechte garantiert wie anderen Kinder-Arbeitern. Arbeitsstundenbeschränkung an Abenden unter der Woche und generelle Arbeitsstundenbeschränkungen am Set. Doch wir fordern ein allgemein gültiges Gesetz, welches den Models Begleitpersonen und Tutoren zusichert, sowie dafür sorgt, dass das Gehalt der Kinder sinnvoll angelegt wird, um Kinder im ganzen Land zu schützen!”

Ein Ziel hat Jennifer Sky jedenfalls schon erreicht: Ihre Botschaft auf Youtube haben bereits mehr als 130.000 Menschen gesehen.

Der große Moment des Dale Hansen

Dieser Mann ist unser Held der Woche, ach was, des Monats, mindestens: Dale Hansen, Sportkommentator aus Dallas / Texas. Was war passiert?

Es begann damit, dass sich der hochtalentierte College-Football-Spieler Michael Sam am Wochenende als schwul outete, als erster aktiver Footballspieler überhaupt, und das sogar kurz vor den sogenannten “NFL Drafts”, den wichtigen Entscheidungen, welcher Profiverein welche talentierten Nachwuchsspieler akquirieren darf.
Und “natürlich” meldeten sich daraufhin etliche anonyme Footballexperten zu Wort, die Sam wegen seines Qutings kaum noch Chancen auf einen Profivertrag einräumten. Das sei schließlich doch ein “Männersport”. In der Kabine könne es mit einem schwulen Footballspieler schon Probleme geben. Und so weiter und so fort, im unsäglichen Ton. Es war eine üble Diskussion, die dort begann.

Dann kam Dale Hansen. Wie gesagt: Sportkommentator für ABC aus Dallas / Texas. Eine Institution unter Football-Fans. Und ließ in seinem Kommentarformat “Unplugged” seine ganze Wut über die Bigotterie und Heuchelei im Football raus…

Auch das ist die einmalige Kraft des Fernsehen. Und Dale Hansen wird – zumindest von großen Teilen seiner Zuschauer – dafür gefeiert. Aber wann hat man von einem deutschen Sportkommentator jemals solche Worte gehört?

Und hier ist noch einmal der Originaltext von Hansen:

It was quite a weekend.
That little dust-up in Lubbock Saturday night, and then on Sunday, Missouri’s All-American defensive end Michael Sam — the SEC’s defensive player of the year and expected to be a third to fifth-round pick in the NFL draft — tells the world he’s gay.
The best defensive player in college football’s best conference only a third to fifth round NFL pick? Really? That is shocking, and I guess that other thing is, too.
Michael Sam would be the first openly gay player in the NFL; says he knows there will be problems… and they’ve already started.
Several NFL officials are telling Sports Illustrated it will hurt him on draft day because a gay player wouldn’t be welcome in an NFL locker room. It would be uncomfortable, because that’s a man’s world.
You beat a woman and drag her down a flight of stairs, pulling her hair out by the roots? You’re the fourth guy taken in the NFL draft.
You kill people while driving drunk? That guy’s welcome.
Players caught in hotel rooms with illegal drugs and prostitutes? We know they’re welcome.
Players accused of rape and pay the woman to go away?
You lie to police trying to cover up a murder?
We’re comfortable with that.
You love another man? Well, now you’ve gone too far!
It wasn’t that long ago when we were being told that black players couldn’t play in “our” games because it would be “uncomfortable.” And even when they finally could, it took several more years before a black man played quarterback.
Because we weren’t “comfortable” with that, either.
So many of the same people who used to make that argument (and the many who still do) are the same people who say government should stay out of our lives.
But then want government in our bedrooms.
I’ve never understood how they feel “comfortable” laying claim to both sides of that argument.
I’m not always comfortable when a man tells me he’s gay; I don’t understand his world.
But I do understand that he’s part of mine.
Civil rights activist Audre Lord said: “It is not our differences that divide us. It’s our inability to recognize, accept, and celebrate those differences.”
We’ve always been able to recognize ‘em. Some of us accept ‘em.
And I want to believe that there will be a day when we do celebrate ‘em.
I don’t know if that day’s here yet. I guess we’re about to find out.
But when I listen to Michael Sam, I do think it’s time to celebrate him now.

“Eines Tages, Baby…”: Der Überraschungs-Web-Hit von Julia Engelmann

Das Internet schreibt ja, gerade wenn Youtube vorne drauf steht, die sensationellsten Erfolgsgeschichten. Innerhalb weniger Stunden kann ein Video förmlich durch die Sozialen Netze fliegen, zehn-, hunderttausende Abrufe einsammeln, oft auch ohne, dass man so richtig weiß, warum. Mit diesem Video, dass die 21-jährige Bremer Schauspielerin und “Poetry Slammerin” Julia Engelmann zeigt, ist das anders.

Update 21.01.: Mittlerweile ist vor allem im Netz ein heftiger Streit über das Video ausgebrochen. Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: “Hype, Hass und Häme – der Netzkrieg um Julia Engelmann”

Denn ihr selbst geschriebener Text, den sie bei einem Auftritt vergangenes Jahr an der Bielefelder Uni rund sechs Minuten lang vortrug, hat alle Zutaten, ein großer Webhit zu werden: Ihr Gedicht mit dem sperrig angelegten Titel “One Day / Text-Reckoning”, das von verpassten Chancen und versäumten Lebensträumen handelt, berührt auf eigenwillige Weise. Es ist sentimental, ohne rührselig zu sein. Trotzig, ohne vorgetäuschte Wut. Optimistisch, aber nicht juvenil fröhlich.

Warum der Clip aber ausgerechnet jetzt, sechseinhalb Monate nach seiner Veröffentlichung, zu einem solchen Erfolg wird, gehört zu den Geheimnissen des viralen Daseins. Jedenfalls hat Julia Engelmann, die nach einer Zeit als Schauspielerin bei der RTL-Soap “Alles was zählt” nun Psychologie in Bremen studiert, nicht nur Teenies, sondern (zunächst wenigstens) auch schon gestandene Medienleute in Verzückung versetzt. Passiert ja auch eher selten.

 

Und hier ist nun das Video, um das es geht.

Und hier der  Text, noch einmal zum Nachlesen:

“One day / Reckoning-Text”

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. Ich bin der Meister der Streiche, wenn’s um Selbstbetrug geht. Bin ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben steh.

Bin ein entschleunigtes Teilchen, kann auf keinsten was reißen. Lass mich begeistern für Leichtsinn, wenn ein anderer ihn lebt.

Und ich denke zu viel nach, ich warte zu viel ab, ich nehm mir zu viel vor. Ich mach davon zu wenig. Ich halt mich zu oft zurück. Ich zweifle alles an. Ich wäre gerne klug – allein das ist schon dämlich.

Ich würde gerne so viel sagen aber bleibe meistens still weil wenn ich das alles sagen würde wäre das viel zu viel. Ich würde gern so vieles tun. Meine Liste ist so lang aber ich werd eh nie alles schaffen. Also fang ich gar nicht an.

Stattdessen häng ich planlos vorm Smartphone, wart bloß auf den nächsten Freitag. “Ach das mach ich später” ist die Baseline meines Alltags. Ich bin so furchtbar faul wie ein Kieselstein am Meeresgrund, ich bin so furchtbar faul mein Patronus ist ein Schweinehund.

Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf. Mein Dopamin das spar ich immer falls ich’s noch mal brauche.

Eines Tages werde ich alt sein, oh Baby werde ich alt sein. Und an all die Geschichten denken die ich hätte erzählen können. Und du? Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester die wieder gleichen Vorsätze treu in dein Sektglas und Ende Dezember stellst du fest, dass du Recht hast, dass du sie dieses Jahr wieder vercheckt hast.

Dabei sollte für dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Leben werden. Du wolltest abnehmen, früher aufstehen, öfter rausgehen, mal deine Träume angehen, die Tagesschau sehen, für mehr Smalltalk, Allgemeinwissen. Aber so wie jedes Jahr obwohl du nicht damit gerechnet hast kam dir wieder mal dieser Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer. Niemand ruft uns auf. Unser Dopamin das sparen wir immer falls wir’s noch mal brauchen. Wir sind jung und haben viel Zeit. Warum sollen wir denn was riskieren? Wollten doch keine Fehler machen. Wollen auch nichts verlieren und es bleibt so viel zu tun, unsere Listen bleiben lang und so geht Tag für Tag ganz still ins unbekannte Land.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Und die Geschichten die wir stattdessen dann erzählen werden, werden traurige Konjunktive sein wie “Einmal bin ich fast nen Marathon gelaufen und hätte fast die Buddenbrooks gelesen und einmal wär ich beinah bis die Wolken wieder lila waren noch wach gewesen und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen wir sind die gleichen.”

Und dann hätten wir uns fast gesagt wie viel wir uns bedeuten, werden wir sagen. Und dass wir bloß faul und feige waren, das werden wir verschweigen und uns heimlich wünschen noch ein bisschen hier zu bleiben.

Wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp, und das wird sowieso passieren, dann erst werden wir kapieren – wir hatten nie was zu verlieren denn das Leben das wir führen wollen, das können wir selber wählen.

Also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen. Lass uns nachts lange wach bleiben aufs höchste Hausdach der Stadt lachend und vom Takt frei die tollsten Lieder singen. Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehen wie sie zu Boden reisen und die gefallenen Feste feiern bis die Wolken wieder lila sind. Und lass mal an uns selber glauben.

Ist mir egal ob das verrückt ist und wer genau guckt sieht, dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist. Und wer immer wir auch waren, lass mal werden wir wir sein wollen.

Wir haben schon viel zu lang gewartet. Lass mal Dopamin vergeuden.

Der Sinn des Lebens ist Leben. Das hat schon Casper gesagt.

Let’s make the most of the night, das hat schon Kesha gesagt.

Lass uns möglichst viele Fehler machen und möglichst viel aus ihnen lernen. Lass uns jetzt schon Gutes sähen, damit wir später Gutes ernten. Lass uns alles tun, weil wir können und nicht müssen. Weil… jetzt sind wir jung und lebendig und das soll ruhig jeder wissen und unsere Zeit, die geht vorbei. Das wird sowieso passieren und bis dahin sind wir frei. Und es gibt nichts zu verlieren.

Lass uns uns mal demaskieren und dann sehen wir sind die Gleichen und dann können wir uns ruhig sagen, dass wir uns viel bedeuten. Denn das Leben das wir führen wollen, können wir selber wählen.

Also los. Schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen.

Und eines Tages Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

 

 

Update 13.02.2014: Nach einer Berechnung des Medienportals “Meedia” ist die erste Geschichte von stern.de (“Dieses Video könnte ihr Leben ändern”) , die sich mit dem Auftritt von Julia Engelmann beschäftigte, der mit Abstand am häufigsten, nämlich knapp 300.000 Mal, in den deutschsprachigen sozialen Netzwerken geteilte, gelikete und verlinkte Text aller Zeiten. Der Artikel selber wurde 1,3 Millionen Mal gelesen.)

Update 20.05.2014: Mittlerweile hat Julia Engelmann auch ein Buch mit ihren gesammelte Poetry-Slam-Texten veröffentlicht, aber in gedruckter Form kommt “One Day, Baby” nicht bei allen gut an.