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“Eines Tages, Baby…”: Der Überraschungs-Web-Hit von Julia Engelmann

Das Internet schreibt ja, gerade wenn Youtube vorne drauf steht, die sensationellsten Erfolgsgeschichten. Innerhalb weniger Stunden kann ein Video förmlich durch die Sozialen Netze fliegen, zehn-, hunderttausende Abrufe einsammeln, oft auch ohne, dass man so richtig weiß, warum. Mit diesem Video, dass die 21-jährige Bremer Schauspielerin und “Poetry Slammerin” Julia Engelmann zeigt, ist das anders.

Update 21.01.: Mittlerweile ist vor allem im Netz ein heftiger Streit über das Video ausgebrochen. Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: “Hype, Hass und Häme – der Netzkrieg um Julia Engelmann”

Denn ihr selbst geschriebener Text, den sie bei einem Auftritt vergangenes Jahr an der Bielefelder Uni rund sechs Minuten lang vortrug, hat alle Zutaten, ein großer Webhit zu werden: Ihr Gedicht mit dem sperrig angelegten Titel “One Day / Text-Reckoning”, das von verpassten Chancen und versäumten Lebensträumen handelt, berührt auf eigenwillige Weise. Es ist sentimental, ohne rührselig zu sein. Trotzig, ohne vorgetäuschte Wut. Optimistisch, aber nicht juvenil fröhlich.

Warum der Clip aber ausgerechnet jetzt, sechseinhalb Monate nach seiner Veröffentlichung, zu einem solchen Erfolg wird, gehört zu den Geheimnissen des viralen Daseins. Jedenfalls hat Julia Engelmann, die nach einer Zeit als Schauspielerin bei der RTL-Soap “Alles was zählt” nun Psychologie in Bremen studiert, nicht nur Teenies, sondern (zunächst wenigstens) auch schon gestandene Medienleute in Verzückung versetzt. Passiert ja auch eher selten.

 

Und hier ist nun das Video, um das es geht.

Und hier der  Text, noch einmal zum Nachlesen:

“One day / Reckoning-Text”

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. Ich bin der Meister der Streiche, wenn’s um Selbstbetrug geht. Bin ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben steh.

Bin ein entschleunigtes Teilchen, kann auf keinsten was reißen. Lass mich begeistern für Leichtsinn, wenn ein anderer ihn lebt.

Und ich denke zu viel nach, ich warte zu viel ab, ich nehm mir zu viel vor. Ich mach davon zu wenig. Ich halt mich zu oft zurück. Ich zweifle alles an. Ich wäre gerne klug – allein das ist schon dämlich.

Ich würde gerne so viel sagen aber bleibe meistens still weil wenn ich das alles sagen würde wäre das viel zu viel. Ich würde gern so vieles tun. Meine Liste ist so lang aber ich werd eh nie alles schaffen. Also fang ich gar nicht an.

Stattdessen häng ich planlos vorm Smartphone, wart bloß auf den nächsten Freitag. “Ach das mach ich später” ist die Baseline meines Alltags. Ich bin so furchtbar faul wie ein Kieselstein am Meeresgrund, ich bin so furchtbar faul mein Patronus ist ein Schweinehund.

Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf. Mein Dopamin das spar ich immer falls ich’s noch mal brauche.

Eines Tages werde ich alt sein, oh Baby werde ich alt sein. Und an all die Geschichten denken die ich hätte erzählen können. Und du? Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester die wieder gleichen Vorsätze treu in dein Sektglas und Ende Dezember stellst du fest, dass du Recht hast, dass du sie dieses Jahr wieder vercheckt hast.

Dabei sollte für dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Leben werden. Du wolltest abnehmen, früher aufstehen, öfter rausgehen, mal deine Träume angehen, die Tagesschau sehen, für mehr Smalltalk, Allgemeinwissen. Aber so wie jedes Jahr obwohl du nicht damit gerechnet hast kam dir wieder mal dieser Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer. Niemand ruft uns auf. Unser Dopamin das sparen wir immer falls wir’s noch mal brauchen. Wir sind jung und haben viel Zeit. Warum sollen wir denn was riskieren? Wollten doch keine Fehler machen. Wollen auch nichts verlieren und es bleibt so viel zu tun, unsere Listen bleiben lang und so geht Tag für Tag ganz still ins unbekannte Land.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Und die Geschichten die wir stattdessen dann erzählen werden, werden traurige Konjunktive sein wie “Einmal bin ich fast nen Marathon gelaufen und hätte fast die Buddenbrooks gelesen und einmal wär ich beinah bis die Wolken wieder lila waren noch wach gewesen und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen wir sind die gleichen.”

Und dann hätten wir uns fast gesagt wie viel wir uns bedeuten, werden wir sagen. Und dass wir bloß faul und feige waren, das werden wir verschweigen und uns heimlich wünschen noch ein bisschen hier zu bleiben.

Wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp, und das wird sowieso passieren, dann erst werden wir kapieren – wir hatten nie was zu verlieren denn das Leben das wir führen wollen, das können wir selber wählen.

Also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen. Lass uns nachts lange wach bleiben aufs höchste Hausdach der Stadt lachend und vom Takt frei die tollsten Lieder singen. Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehen wie sie zu Boden reisen und die gefallenen Feste feiern bis die Wolken wieder lila sind. Und lass mal an uns selber glauben.

Ist mir egal ob das verrückt ist und wer genau guckt sieht, dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist. Und wer immer wir auch waren, lass mal werden wir wir sein wollen.

Wir haben schon viel zu lang gewartet. Lass mal Dopamin vergeuden.

Der Sinn des Lebens ist Leben. Das hat schon Casper gesagt.

Let’s make the most of the night, das hat schon Kesha gesagt.

Lass uns möglichst viele Fehler machen und möglichst viel aus ihnen lernen. Lass uns jetzt schon Gutes sähen, damit wir später Gutes ernten. Lass uns alles tun, weil wir können und nicht müssen. Weil… jetzt sind wir jung und lebendig und das soll ruhig jeder wissen und unsere Zeit, die geht vorbei. Das wird sowieso passieren und bis dahin sind wir frei. Und es gibt nichts zu verlieren.

Lass uns uns mal demaskieren und dann sehen wir sind die Gleichen und dann können wir uns ruhig sagen, dass wir uns viel bedeuten. Denn das Leben das wir führen wollen, können wir selber wählen.

Also los. Schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen.

Und eines Tages Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

 

 

Update 13.02.2014: Nach einer Berechnung des Medienportals “Meedia” ist die erste Geschichte von stern.de (“Dieses Video könnte ihr Leben ändern”) , die sich mit dem Auftritt von Julia Engelmann beschäftigte, der mit Abstand am häufigsten, nämlich knapp 300.000 Mal, in den deutschsprachigen sozialen Netzwerken geteilte, gelikete und verlinkte Text aller Zeiten. Der Artikel selber wurde 1,3 Millionen Mal gelesen.)

Update 20.05.2014: Mittlerweile hat Julia Engelmann auch ein Buch mit ihren gesammelte Poetry-Slam-Texten veröffentlicht, aber in gedruckter Form kommt “One Day, Baby” nicht bei allen gut an.

Hype, Hass und Häme: Der absurde Netzkrieg um Julia Engelmann

Julia Engelmann bei ihrem nun viel diskutierten Auftritt in Bielefeld.

Julia Engelmann bei ihrem nun viel diskutierten Auftritt in Bielefeld.

Eines Tages, Baby…der kam früher, als man dachte. Wohl selten ist ein Youtube-Phänomen so schnell und so gründlich durch alle Phasen gelaufen, die ein Webvideo-Erfolg heutzutage oft durchlebt: Hype, Hass und Häme. Innerhalb von wenigen Tagen erlebte Julia Engelmann, wie aus ihrem lange kaum beachteten Auftritt bei einem Poetry-Slam-Fest an der Bielefelder Uni zunächst ein Hit mit ein paar zehntausend Abrufen wurde, dann ein Hype einsetzte, der “One Day / Reckoning Text” auf fast drei Millionen Abrufe katapultierte.

Der Erfolg (und die damit unvermeidliche verbundene Allgegenwart) des Videos im Netz rief wiederum all jene auf den Plan, denen allzu große Popularität reflexartig verdächtig erscheint. Munitioniert mit den üblichen Floskeln (“Vollkommen überbewertet”, “total naiv”, “Ach, Gottchen”) wurde das Video und Engelmanns Text abgekanzelt – und all jene mit dazu, die in den fünf Minuten Vortrag nicht mehr und nicht weniger sahen als den unterhaltsamen Auftritt einer 21-Jährigen, die durchaus frisch und intelligent alte Probleme der Menschheit (Geplatzte Träume, Trägheit im Alltag, Sehnsucht nach Glück) per Poem interpretierte. Das sei doch “keine Hochkultur” höhnte es jetzt, und die Tatsache, dass das weder Julia Engelmann noch sonst jemand zuvor behauptet hatte, störte die Kritiker nicht. Im Gegenteil, der Ton wurde noch schärfer. Da konnte man doch einigen beim Abarbeiten eigener Probleme (s.o) zusehen.

So weit, so leider ganz normal im Netz dieser Tage, wo der Krieg um die Deutungshoheit (und ein bisschen Applaus von der eigenen Filterbubble) immer schärfer geführt wird.

Ein Höhepunkt in dieser Reihe war allerdings der Meinungsbeitrag von SZ-Feuilletonredakteur Fritz Göttler, der der “gelernten Schauspielerin” Engelmann tatsächlich doch im Ernst vorwarf, den Vortrag durch und durch “kalkuliert” und professionell abgespult zu haben. Und auch ZDFneo-Hoffnungsträger Jan Böhmermann, eigentlich mit Intelligenz und Differenzierungsvermögen ausgestattet, kühlte sein Mütchen am Video aus Bielefeld in einer eilig zusammengezimmerten “Parodie” ab: “Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, Baby und an die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können, wenn wir nicht andauernd volkstümliche Rührbröckchen bei Youtube geguckt hätten”.

Es ist nicht bekannt, ob Böhmermann dazu selbst schon gekommen ist.